Erinnern Sie sich an George Orwells Fabel „Farm der Tiere“? Darin tritt das Schwein Schwatzwutz auf, im englischen Original Squealer (Petze, Denunziant) genannt. Mit Wonne suhlt es sich in der Funktion des Propagandagewaltigen eines egalitär gedachten Staates, in dem jedoch diejenigen, die es an die Spitze schaffen, bald sehr viel gleicher sind als alle anderen. Beflissen rechtfertigt Schwatzwutz jeden Willkürakt der Herrschaftsschweinchen als „aus rein sachlichen Gründen geboten“, erklärt Kritiker zu Unpersonen, wirft ihnen „gravierende handwerkliche Mängel“ vor, die „zutiefst gegen die Standards“ verstoßen. Wie auch immer der Wind weht: Zwecks Machterhalt verbreitet das Propagandaschweinchen Lügen und Halbwahrheiten.

Sprechapparate der Macht

Für mich zählten der WDR-Programmchef Jörg Schönenborn und die Moderatorin Sandra Maischberger bislang zu den fairen Journalisten. Doch änderte sich das am späten Abend des vergangenen Mittwoch, als die beiden unmittelbar nach der unfreiwillig im Ersten Programm gezeigten Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ zur „Diskussion“ anhoben.

Aus Schönenborn und Maischberger waren Sprechapparate der Macht geworden. Denn sie hatten die Kontrolle verloren. Nach anschwellendem Protest musste der WDR schließlich senden, was er und der Partnersender Arte partout nicht hatten senden wollen - den genannten Film. Obwohl Schönenborn die Rohfassung mit teils abstrusen Kommentaren hatte untertiteln lassen, blieb der Informationsgewinn beträchtlich.

Filmemacher als Unpersonen

Ein wichtiges Detail wurde unterschlagen: Die zuständige WDR-Redakteurin, Professorin Dr. Sabine Rollberg, hatte die Rohfassung im Dezember abgenommen und Arte- wie WDR-intern für den Film gestritten. In der Sendung degradierte Schönenborn seine Kollegin zur Namenlosen und desavouierte deren Arbeit schamlos, auch behandelte er die Filmemacher Joachim Schröder und Sophie Hafner als Unpersonen. Feige hatte der WDR die drei unmittelbar Beteiligten von der „Diskussion“ ausgeschlossen.

Maischberger bemäntelte das mit gepresst-eifernder Stimme: „Die Gästeeinladung ist tatsächlich unsere Sache“ gewesen; im Sinne des Themas sei es richtig, die Filmemacher fernzuhalten. Da lachten selbst die dümmsten Hühner auf der WDR-Farm.

Arte lehnte im Februar ab

Schönenborn erfand: „Der Film ist Ende April von Arte an uns zurückgegeben worden.“ Erst dann habe man sich mit ihm auseinandersetzen können. Quatsch. Am 27. Februar hatte der Programmdirektor von Arte, Alain Le Diberder, an den Geschäftsführer von Arte-Deutschland, Markus Nievelstein, geschrieben, „wir lehnen die Ausstrahlung der Dokumentation ab“ und handschriftlich dazugesetzt: „Comptant sur votre compréhension“ – Ich zähle auf Ihr Verständnis.

Der vom WDR stammende Nievelstein bestätigte: „Arte Deutschland und der WDR schätzen die Lage genauso ein wie der Programmdirektor (Le Diberder). Der WDR hat dessen Entscheidung akzeptiert.“ Die „öffentliche Debatte“ findet Nievelstein „ärgerlich“, die Ablehnung „konsequent“. Neuerdings liegen die Rechte an dem Film allein beim WDR.

Was kann man gegen die Verlogenheit der Macht tun? Georges Orwell empfahl 1946: „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht darauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“