Am 27. Januar erinnern wir an die Befreiung von Auschwitz, an die Ermordeten, die für die Befreiung gefallenen Soldaten und an Zivilisten, die in den Jahren des Terrors Menschlichkeit bewahrten. Einer war der Arzt Zygmunt Klukowski (1885–1959), der das Krankenhaus von Szczebrzeszyn leitete.

Das polnische Städtchen liegt nahe Zamosc in der Region Lublin, in der Deutsche Hunderttausende Juden ermordeten, Zehntausende Angehörige der polnischen Intelligenz erschossen, Hunderttausende Zwangsarbeiter einfingen und Ende 1942 ein riesiges Ansiedlungs- und Vertreibungsprojekt begannen, um eine „deutsche Siedlungsinsel“ zu schaffen.

Ich empfinde es als Glück, dass jetzt – endlich! – Klukowskis bislang nur Fachleuten bekanntes Tagebuch über die Kriegszeit auf Deutsch erschienen ist. Die Qualität entspricht den berühmten Aufzeichnungen Victor Klemperers.

„Eifrig bei der Suche nach Juden“

Wer wissen will, wie die deutschen Machthaber in Polen hausten, sollte dieses Zeugnis der Verzweiflung über das Unmenschliche lesen. Klukowski gehörte dem bürgerlichen polnischen Widerstand an, weshalb er im kommunistischen Volkspolen mehrfach ins Gefängnis gesperrt wurde.

Hier kann ich nur einen winzigen Ausschnitt vorstellen – zwei Tage, die vom Judenmord handeln. Am 8. August 1942 wurden von den 4000 Szczebrzeszyner Juden 2000 zusammengetrieben, um in der Gaskammer von Belzec ermordet zu werden. An eine angebliche Umsiedlung in die Ukraine glaubte niemand. Deshalb versteckten sich viele der Bedrohten.

Wie Klukowski notierte, durchkämmten deutsche, polnische und auch jüdische Ordnungsmänner sowie öffentlich Bedienstete die Stadt. Währenddessen räumten städtische Arbeiter bereits die Wohnungen aus, transportierten Hausrat und Kleidung in ein Lagerhaus. Obendrein halfen „ziemlich viele Polen, vor allem junge Männer, eifrig bei der Suche nach Juden“. Am 22. Oktober 1942 begann die finale „Aktion“.

„Sie lachten, ja schlugen die Juden“

Die Juden wurden aus ihren Verstecken gezerrt, Handgranaten in die Keller geworfen und noch am selben Tag mehr als 400 von ihnen auf dem jüdischen Friedhof erschossen – vor allem Alte, Frauen und Kinder, viele jüngere Männer hielten sich noch im Wald versteckt. In der Stadt hingen Plakate, auf denen stand: „Polen, die Juden helfen, werden erschossen, wer sie verrät, wird belohnt!“

Diesmal beteiligten sich neben deutschen Polizeitrupps und blau uniformierter polnischer Polizei auch schwarz uniformierte polnische Wachmänner. Prügelnd trieben sie die Wehrlosen zum Friedhof. Dort mussten polnische Männer Massengräber ausschaufeln, andere schauten zu – „sie lachten, ja schlugen die Juden, andere durchsuchten die Häuser nach weiteren Opfern“. Am 25. Oktober „fing die polnische Zivilbevölkerung den ganzen Tag über versteckte Juden“ und brachte sie zum Gefängnis.

Über die Lage der christlichen Polen vermerkte Klukowski: „Wir leben wie gejagte Tiere“, „die Leute verlieren alle Energie, sich zu wehren“, „sie sind körperlich und geistig erschöpft“.

Zygmunt Klukowski: Tagebuch aus der Zeit der Okkupation 1939–1944 Hg. v. Christine Glauning und Ewelina Wanke. Metropol Verlag Berlin, 583 S., 29,90 Euro.

Gelesen wird aus dem Werk am Mittwoch, 19 Uhr, im Berliner Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Britzer Str. 5, 12439 Berlin. Mit dabei ist der Enkel des Autors, Andrew Klukowski.