Eine Kollegin sagte mir Dienstagabend, sie verkrieche sich am liebsten ins Bett. Das scheine ihr der einzig sichere Ort in einer Stadt, in der man selbst auf einem Weihnachtsmarkt umgebracht werden könne. Ich sagte nichts. Eine halbe Stunde später sah ich sie, wie sie sich auf ihr Fahrrad setzte und die zehn Kilometer nach Hause fuhr. So macht sie es jeden Tag, bei jedem Wetter. Sie ist Mitte sechzig.

Bei dem Gedanken, ich müsste mich auf ein Fahrrad setzen und hinter und vor Lastwagen durch die frostige Dunkelheit fahren, bekomme ich eine Angstattacke. Der Terrorismus und seine Gefahren dagegen berühren mich wenig. Nicht, weil ich weiß, dass bei Verkehrsunfällen in Deutschland deutlich mehr Menschen sterben als bei terroristischen Anschlägen.

Menschen reagieren einfach unterschiedlich auf Bedrohungen. Einen Brief vom Finanzamt lasse ich erst einmal eine Woche ungeöffnet im Briefkasten liegen, während eine Kollegin von mir ihn sofort öffnet und antwortet. Jeder reagiert an einer anderen Stelle hysterisch.

Wir diskutieren jetzt nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Fragen, was zu tun sei, um eine Wiederholung zu verhindern, was die Behörden tun können, um die Sicherheit in Berlin zu erhöhen. Das ist alles richtig und gut.

Wir brauchen skeptische Neugierde

Vorausgesetzt, man verliert eines dabei nicht aus dem Blick: Kein Staat, keine Gesellschaft kann verhindern, dass in einer Millionenstadt irgendjemand ausrastet und Menschen auf die eine oder die andere Art umbringt. Es ist gut, dass unsere Waffengesetze es erschweren, sich zum Beispiel Maschinenpistolen in irgendeinem Waffenladen zu kaufen. Das hilft gegen die Ausbreitung der Gewalt. Es ist auch gut, Hasspredigern auf die Finger zu schauen, um zu sehen, ob sie – Abendländler oder Islamisten oder sonstiger Couleur – ihren Worten Taten folgen lassen. Es ist gut, aufmerksam zu sein.

Eine Gesellschaft sei angewiesen darauf, dass wir einander vertrauen, sagen Politiker gern, wenn sie das Gefühl haben, das Publikum – alle vier Jahre Wähler genannt – sei dabei, sich aufs Misstrauen zu verlegen. Ich glaube nicht, dass wir nur als eine vertraute Gemeinschaft überleben können. Im Gegenteil. Eine tüchtige Portion skeptischer Neugierde würde uns in den meisten Fällen weiterbringen.

Die ist auch angebracht bei den nach jedem Anschlag vorgebrachten Erwägungen zur Verbesserung der Sicherheitslage. So richtig es ist, die immer wieder neu zu überdenken, so offensichtlich ist doch, dass seit Jahren immer dieselben Maßnahmen vorgeschlagen werden. Das ist noch nicht einmal ein Vorwurf. Schließlich gibt es keine neue Sicherheitslage, warum sollten da neue Konzepte entwickelt werden? Die Politik, das übersehen wir gern, hat es nicht nur mit den Fragen der Rechtmäßigkeit und Effizienz von Maßnahmen zu tun. Politik handelt in erster Linie mit Emotionen.

Angst vor Terror ist statistisch unberechtigt

Meine Angst vor dem Fahrradfahren ist, blickt man auf die Unfallstatistik, mehr als berechtigt. Politisch gar scheint sie völlig uninteressant zu sein. Man lächelt und weist auf die zunehmende Zahl von Fahrradwegen hin. Wer dagegen von seiner Angst, Opfer eines terroristischen Attentats zu werden, spricht, darf sich der wohlwollenden Aufmerksamkeit seiner Landsleute gewiss sein. Dabei ist sie doch – statistisch gesehen – so gut wie völlig unberechtigt. Dennoch eignet sie sich aber offenbar hervorragend zur politischen Mobilisierung und Meinungsbildung.

In den vergangenen zwanzig Jahren starben in Europa pro Jahr durchschnittlich 48 Menschen durch einen terroristischen Anschlag. In Deutschland bis zu diesem Dezembertag  nicht einmal einer. Unsere Angst ist unsere Angst und sonst gar nichts. Wir können unsere Schutzmaßnahmen immer weiter verbessern, aber der Schutz wird dadurch nicht größer. Wer das behauptet, der will uns weismachen, es liege in seiner Hand, dafür zu sorgen, dass in Deutschland noch weniger Menschen von Terroristen umgebracht werden. Das erscheint mir als pure Angeberei.

Unsere Ängste sind Warnsysteme. Wir müssen sie ernst nehmen. Wir sind so gebaut. Aber wir wissen doch nur zu gut, dass sie gern an den falschen Stellen weit ausschlagen und an anderen sich merkwürdig zurückhalten.

Unsere Ängste sind nicht unsere einzigen Warnsysteme. Die vielgeschmähte Statistik, der besonnene Blick auf Wahrscheinlichkeitskurven und Relationen hilft uns immer wieder deutlich besser als die in unseren Eingeweiden rumorende, gerne in Aggression umschlagende Angst.