Man könnte die Verständigung der großen Koalition auf einen künftigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als ein Zeichen der Stärke ihrer Kanzlerin werten. Ungeachtet der parteipolitischen Kräfteverhältnisse entscheidet sich Angela Merkel für den Sozialdemokraten – weil er der Beste für das Amt ist, der beliebteste Politiker im ansonsten mit der Politik so unzufriedenen Volk, das Ganze ein selbstloser Akt demokratischer und staatspolitischer Verantwortung der CDU-Vorsitzenden.

Man könnte das so zeichnen, es wäre ein schönes, jedoch ein falsches Bild. Dieser Kandidat ist zwar gut für das Land, welch ein Glück. Aber er ist, wie schon sein Vorgänger Joachim Gauck, ein Ausweis der Schwäche der Kanzlerin. Sie hat es weder vermocht, einen überzeugenden Mann – oder, endlich einmal eine überzeugende Frau – aus der Union oder ihrem Umfeld zu finden. Noch konnte sie die CSU davon überzeugen, mit Winfried Kretschmann einen konservativen Grünen in das höchste Staatsamt zu wählen und so die machtpolitische Handlungsfähigkeit der Union unter neuen Vorzeichen zu demonstrieren. Immerhin ist sie wohl noch stark genug, um die CDU wenigstens um einen ehrenwerten Sozialdemokraten zu versammeln.

Eine Niederlage wäre keine Schande

Es zeigt sich, wie ausgelaugt die Regierungspartei nach bald 12 Jahren an der Macht ist. Niemand aus ihren Reihen drängte sich wirklich auf, bis auf einen Einzigen: Norbert Lammert. Dessen Absage ist zu respektieren, wenn man nicht die straffe Haltung einnimmt: Das Angebot, Staatsoberhaupt der Republik zu werden, kann ein Demokrat nicht ablehnen. Doch nicht nur das, Norbert Lammert scheint auch keinerlei Veranlassung gespürt zu haben, seiner Parteifreundin aus der doch so offensichtlichen Klemme zu helfen. Zweimal hatte er schließlich in der Vergangenheit schon vergeblich auf ihren Anruf gewartet, als es um die Suche nach einem neuen Präsidenten ging.

Darüber hinaus hat aber auch niemand aus der Union den Mut gezeigt zu sagen: Es geht hier um das herausragende politische Amt in unserem Land, sich darum zu bewerben, ist eine Ehre und die mögliche Niederlage in einer demokratischen Abstimmung gegen Frank-Walter Steinmeier keine Schande. Auch so kann man das Ansehen eines Amtes beschädigen, das Joachim Gauck gerade erst von den Beschädigungen durch die gescheiterten Merkel-Männer Horst Köhler und Christian Wulff überzeugend repariert hat. Auch dafür trägt die Vorsitzende der CDU eine Mitverantwortung. Es ist ein Zeichen für einen Mangel an demokratischem, staatspolitischem Verständnis in der so lange von ihr geführten Partei.

Die besten Präsidenten werden gegen den Willen der Kanzlerin gefunden

Auf der anderen Seite hat der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel tatsächlich einmal erfolgreich gegen die Meisterin des Aussitzens taktiert. Interessanterweise wieder bei der Präsidentenwahl, wie schon im Falle Joachim Gauck. Das wird ihn in der Frage der Kanzlerkandidatur stärken und die Partei mental aufbauen. Denn das Beispiel zeigt: Man kann sich etwas trauen und damit Erfolg haben – auch gegen die Dauerkanzlerin Angela Merkel. Das könnte noch eine Rolle spielen, wenn es um die Frage geht, mit welcher Machtoption die Sozialdemokraten in den Bundestagswahlkampf ziehen.

Erst einmal aber ist diese Entscheidung – jenseits aller Parteitaktik –  ein Signal der Handlungsfähigkeit der Politik in Richtung der anschwellenden Populistengesänge, die das ganze System in Frage stellen. Die beiden großen Parteien schlagen einen allseits anerkannten Mann aus ihren Reihen vor, der dem Land in aufgewühlten Zeiten Orientierung zu geben vermag. Das ist das Gegenteil von Trumpismus. So mag es mit Steinmeier wie mit Gauck gehen: Die besten Präsidenten werden gegen den Willen der Kanzlerin gefunden. Aber die ist klug genug, sich dieser Erkenntnis zu fügen.

Manches spricht dafür, dass Angela Merkel jetzt auch angesichts der internationalen Lage ein schnelles Ende dieses schon zu lange währenden Schauspiels innerdeutscher Machtpolitik gewollt hat. Sie hat angesichts der vom Wahlsieg Donald Trumps ausgelösten Schockwellen ganz andere Probleme zu bewältigen. Am Donnerstag versammeln sich in Berlin die wichtigsten europäischen Führer ein letztes Mal mit Barack Obama. Da werden die Augen erwartungsvoll auf ihr ruhen, denn in diesem Kreis ist sie nun wiederum die Stärkste. Auch deshalb wird sie im nächsten Jahr um ihre Wiederwahl kämpfen und ihre Schwäche in der Präsidentenfrage schnell zu verdrängen suchen.