Ein Berliner CDU-Kreisfunktionär hat Angela Merkel kritisiert. So etwas passiert neuerdings öfter und ist an sich kein Ding, zumal jenseits der Stadtgrenzen nur Eingeweihte wissen, dass an der Spree kommunale christdemokratische Strukturen existieren. Diese Truppenteile sind die derzeit populärste politische Kraft in der Hauptstadt. Das illustriert den Zustand des Gemeinwesens fast noch treffender als der Gesichtsenthusiasmus seines SPD-Bürgermeisters.

Jedenfalls beantwortete Landeschefin Monika Grütters die besagten Vorwürfe. „Die Berliner CDU steht hinter dem Kurs von Angela Merkel – so wie 80 Prozent der Wähler im Land“, zitiert sie der Tagesspiegel.

Unter dem Akronym CDU vereint

Im Hauptberuf arbeitet Frau Grütters als Kulturstaatsministerin. Sie gehört damit zur Bundesregierung. Ich nehme ihren Satz sehr ernst und habe extra im amtlichen Endergebnis nachgesehen: Angela Merkel konnte zuletzt unter dem Akronym CDU 26,8 Prozent aller Wähler vereinnahmen.

Um auf eine etwa achtzigprozentige Unterstützung für sie und ihren Kurs zu kommen, muss man aber nicht nur die Zweitstimmen der bayerischen Schwester dazuzählen – was ja trotz Seehofer und Söder noch angeht – sondern auch jene, die für SPD, Grüne, FDP und Linke abgegeben wurden. Oh.

Kaum Empörungskapazitäten frei

Die Bundestagswahl ist mehr als sechs Wochen her. Ich glaube mich an den Stimmzettel zu erinnern. Es war so eine Liste mit Namen. Man konnte Kreise ankreuzen. Ziemlich sicher bin ich mir, dass darüber nicht stand: „Wahlvorschlag der Nationalen Front der Bundesrepublik Deutschland zur Wahl der Großen Vorsitzenden“. Entweder habe ich etwas missverstanden, oder die Staatsministerin sollte sich zeitnah mit dem politischen System dieses Landes vertraut machen. Es laufen ja überall Integrationskurse.

Vor der Wahl behaupteten AfD-Vertreter, wer Merkel ablehne, dürfe auf keinen Fall für „Blockparteien“ oder „die Volksfront“ stimmen. Dieser Duktus kann nun, so leid es mir tut, als regierungsamtlich bestätigt gelten. Durch eine aufgeweckte Demokratie würde darob ein Sturm der Entrüstung fegen. Frau Grütters müsste ihre Algebra rechtfertigen. Doch, ach, das Ganze begibt sich zu einer Zeit, als eine andere Politikerin gerade von einem älteren Herrn jung und schön genannt worden ist. Somit sind kaum Empörungskapazitäten frei.

Chapeau, Madame

Deshalb und wohl auch, weil ihr Zungenschlag kein Einzelfall ist, muss die tollkühne Bilanzakrobatin sich nicht erklären. Womöglich könnte sie das sogar. Sie gilt schließlich als Merkel-Vertraute. Vielleicht interpretiert die Kanzlerin das magere Votum tatsächlich als machtvollen Vertrauensbeweis ihres dankbaren Volkes. Sie kommt ja – wie ich – aus dem Osten. So etwas prägt. Uns beide.

Ich reagiere allergisch auf unverbrüchliche Einmütigkeit, während sie womöglich jede Grünen-Stimme so freudig einsammelt wie weiland Erich Honecker die Volkskammerabgeordneten der DDR-CDU. Das mag ich mir aber nicht vorstellen. Mein Verfassungspatriotismus zwingt mir eine andere Deutung auf: Frau Grütters verübte einen Verzweiflungsakt satirischer Subversion, um die politmediale Stilisierung der gütigen, über allem schwebenden Regentin zu karikieren. In diesem Fall rufe ich: „Chapeau, Madame!“ und will nichts gesagt haben.