Vor 30 Jahren, im Januar 1989, schien die europäische Welt noch wohl geordnet. Deutschland bestand aus zwei Staaten, mit denen die jeweiligen Nachbarn gut auskamen. Ein Jahr später sah diese Welt anders aus. Die Mauer war gefallen, und in Ostdeutschland zogen Menschen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und Deutschland-, Deutschland-Rufen durch die Straßen.

Nun mischte sich in die Freude über die Zerstörung des Eisernen Vorhangs eine neue Sorge: die vor einem übermächtigen Deutschland. Zeitungen in Polen und Italien, in der Tschechoslowakei wie in Großbritannien beschworen die Gefahr eines Vierten Reiches herauf, Politiker griffen diese Ängste auf. Italiens Premier Andreotti sagte: „Es gibt zwei deutsche Staaten, und zwei sollen es bleiben.“ Und der polnische Außenminister Skubiszewski stellte fest: „Die Selbstbestimmung ist eine schöne Sache, aber mit den Deutschen ist es etwas anderes.“

Ängste dank Kohl verflogen

1989 war auch das Jahr der 50. Wiederkehr des deutschen Überfalls auf Polen, dem die brutale Unterjochung fast ganz Europas durch die Deutschen und ein verheerender Krieg folgten. Daran konnten die Menschen dieser Länder sich noch gut erinnern. Was, wenn dieser Ungeist nun mit der Vereinigung der beiden Staaten wiederkehren würde? Oder wenn die Deutschen sich auch nur aus dem Prozess der europäischen Einigung verabschieden und fortan lieber wieder ihren eigenen Interessen als Supermacht in spe folgen würden?

Wir wissen heute, dass die Geschichte anders verlaufen ist. Es ist nicht zuletzt Helmut Kohl, diesem überzeugten Europäer, zu verdanken, dass die Ängste der Nachbarn schnell verflogen sind. Er hatte verstanden, dass die vereinigte Bundesrepublik noch europäischer als andere handeln musste, um den Weg für die Einheit zu ebnen und womöglich noch schwelende Großmachtfantasien einzuhegen.

Letztlich gehörte die Aufgabe der starken D-Mark und die Einführung des Euro zu dem Preis, den Deutschland für seine ungestörte Entwicklung gezahlt hat. Dass es davon auch profitiert, ist ein anderer Teil dieser Erfolgsgeschichte.

Ich, Ich, Ich

Das klingt also nach einer guten Erzählung. Wenn sie nicht so eine bittere Ironie hätte. Denn heute, 30 Jahre später, haben in vielen dieser Länder, die sich damals vor einem neuen deutschen Nationalismus gefürchtet haben, selber Nationalisten das Sagen. In Polen und Ungarn herrschen Parteien, die allein noch an Geld aus Brüssel interessiert sind, während sie die europäischen Werte verlachen. In Italien sieht es kaum besser aus, in Großbritannien vollenden die Gegner der EU gerade ihr Zerstörungswerk. Sie alle sind Bewunderer von Donald Trump, der das Motto des „Ich komme zuerst“ wieder gesellschaftsfähig gemacht hat. Dass ein Konzept, in dem alle Ich, Ich, Ich rufen, letztlich nicht aufgehen kann, hat Egoisten und Nationalisten nie interessiert. 

Es gehört zu den großen Errungenschaften der politischen Kultur der Bundesrepublik, dass diese Masche hierzulande noch nie mehrheitsfähig war. Von der Linken bis zur CSU haben die Parteien eine prinzipiell europafreundliche Haltung und erreichen damit mehr als 80 Prozent der Wähler – bisher. Den Rest sammelt die AfD ein. Dass es nicht mehr als dieser Rest wird, das ist die große Herausforderung für die Europawahl im Mai. Gemessen an den Herausforderungen vor 30 Jahren müsste sie zu bewältigen sein. Aber dazu gehört die Fantasie, die Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte so spannend weiterzuerzählen, dass niemand sich fürchten muss.