Die neue BND-Zentrale an der Chausseestraße nutzt so ziemlich alle Register der architektonischen Machtdemonstration, wie sie aus der westlichen Welt, aber auch aus China und Japan, Indien oder dem alten Südamerika bekannt sind: strikte Achsialität der Bauten, Ehrenhof zum Vorfahren, gigantische Größe, endlose Pfeilerreihen. Und doch wurde diese architektonische Macht-Anmaßung einer nachgeordneten Behörde – nichts anderes ist der BND! – von 2005 von einer Jury gezielt ausgewählt, 2006 vom Bundestag finanziert und dann trotz aller Kostensteigerungen und Skandale auch gebaut.

Lesen Sie hier die Stilkritik: Neue BND-Zentrale - geisttötend und monoton strukturiert

Neues BND-Gebäude ist Monument der Macht 

Die Jury, die damals entschied, hatte mit dem Chef des Bundesnachrichtendienstes August Hanning, dem Chef der Bundesbauverwaltungen Florian Mausbach und dem Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann eine 100-Prozent-Mehrheit der Verwaltungsvertretung. Es gab in ihr keinen einzigen verantwortlichen Politiker, auch keine Frau. Und offenbar erinnerte sich niemand an die Stasi und ihre Architektur in der Normannenstraße. Bei einer anderen Zusammensetzung der Jury wäre möglicherweise die politische Symbolik dieser Macht-Architektur schneller aufgefallen.

Allerdings sind die Herren der Jury durchaus belesen. Man kann also davon ausgehen, dass sie sahen, was sie entschieden: Wohl nie hat sich – abgesehen vom speziellen Zweck und Nutzer des Hauses – die deutsche Verwaltung in demokratischen Zeiten ein solches Monument geleistet wie dieses hier.

Verwaltungen unterwerfen sich dem Staat

Jeder Staat braucht seine Verwaltungen, um seine Existenz zu garantieren. Woran nicht zuletzt den Schwachen im Staat gelegen sein muss, die ohne die Hilfe der Gemeinschaft nicht zurechtkommen. Schwache Staatsverwaltungen können sich nur reiche Menschen leisten – das zeigt sich bei jedem Shutdown in den USA, bei den Brexit-Verhandlungen, im ständigen Gerede neoliberaler Enthusiasten, der Markt könne „es“ besser. Auch dieser Irrglaube führte uns in die aktuelle Wohnungskrise.

Doch immer droht auch die Gefahr, dass sich die Verwaltungen zum eigenen Wohl den Staat unterwerfen – was an Architekturen durchaus abzulesen ist. In den aufbruchsfreudigen Neunzigern wagte der Bund viel mit seinen Bauten im neuen Deutschland, etwa mit dem bunten, heiter geschwungenen Umweltbundesamt in Dessau.

Bundesverwaltungsbauten sind standardisiert

Auch die Wohnschlange für die Bundestagsmitarbeiter an der Spree, sogar die von Stefan Braunfels entworfenen Bundestagshäuser und das von Axel Schultes und Charlotte Frank entworfene Kanzleramt zeigten mit ihrer erstaunlichen Offenheit, dass der Bund bei allem neuen Repräsentationsbewusstsein doch auch die architektonischen Traditionen Bonns weiterführen wollte: Transparenz, Heiterkeit, den Mut zum ästhetischen Experiment. Das ist lange her.

Fast alle seither entstandenen Bundesverwaltungsbauten sind dem 75-Zentimeter-Raster der Büronormen unterworfen worden, sie prägen das Nordufer der Spree zwischen Reichstag und Hauptbahnhof, den Riesenneubau des Innenministeriums, jetzt den BND. Sie unterscheiden sich im Wesentlichen nur durch die städtebauliche Position, einige My in den Oberflächenabstufungen und in der Auswahl der Materialien sowie im Schnitt der Fensterlaibungen – schräg nach innen, schräg nach außen, gerade oder, ganz gewagt, auch einmal abgerundet.

Die Verwaltungsgebäude passen nicht zum Land

Das Problem ist nicht nur die Langeweile, sondern die Aussage, die Politik und Verwaltungsleitungen über den Zustand und das Ideal der Gesellschaften mit solchen Bauten machen. Diese Fassaden zeigen eine sozial homogenisierte, auf schnellen Wohlstand ausgerichtete, am Gang der Entscheidungen letztlich desinteressierte Gesellschaft, die sich willig den Entscheidungen einer anonymen Verwaltung unterwirft.

Aber ist das dieses Land der Bürgerinitiativen, der für alles Mögliche engagierten Vereine, der Bildungsreformen und der Lesefreudigen, des auch leidenschaftlichen politischen Streits, der suchenden Geschichtsfans, freudigen Spiel- und Sportlustigen, der Tüftler, Spinner und der Normalos? Pflanzt bunte Kletterrosen und wilden Wein vor die Schießschartenfassaden und baut mal eine Kurve ein.