Warum gibt es in Deutschland so viele knapp über 20 Meter hohe Wohnhäuser mit etwa sechs Geschossen oder um die 30 Meter hohe mit etwa neun Etagen, aber nur 78 Wohnhochhäuser mit über 100 Metern? Weil jenseits dieser Linien die feuerpolizeilichen Anforderungen derart anwachsen, dass sich der Bau von Hochhäusern schnell nicht mehr lohnt.

Es sei denn, der Platz ist extrem limitiert wie auf der Inseln Manhattan oder Singapur. Oder die Bauherren müssen wie weiland in der DDR und jetzt noch in China oder im von kommunalen Wohnungsbaukonzernen beherrschten West-Berlin keine Rücksicht nehmen auf private Grundstücksinhaber und deren Renditeerwartungen. Sonst aber muss derjenige, der Hochhäuser für das Wohnen baut, eine Klientel erwarten, die viel Geld ausgeben kann.

Architekten und Investoren schwärmen

Und das ist meist nur dann möglich, wenn diese Bewohner mindestens wohlhabend sind oder sie von der Gesellschaft subventioniert werden, etwa in Form des sozialen Wohnungsbaus. Trotzdem konzentriert sich seit einiger Zeit ein wesentlicher Teil der Wohnungsbaudebatte auf die Frage, ob und wie Hochhäuser die Wohnungskrise in den europäischen Großstädten lösen können.

Immer wieder kommt dabei das China-Argument, auch jetzt wieder auf der jüngsten Tagung der Zeitschrift Bauwelt in Berlin zum Wohnhochhaus. In Peking und Schanghai, am Persischen Golf, in Thailand und Vietnam entstehen Hunderttausende von Wohnungen in Hochhäusern. Das muss hier doch auch möglich sein, schwärmen Architekten und Investoren.

Interessant auch für Europa

Sie zeigen begeisternd Bilder geschwungener Fassaden und mit computertechnischer Raffinesse in die Sonne gerichtete Balkons über dem Hafen von Rotterdam. Faszinierend, und mit solcher Aussicht lebte man auch gerne. Aber ist das ein Lösungsweg für die Masse der Menschen und ihre Bedürfnisse?

Ganz selten waren für den Mittelstand erreichbare Projekte zu sehen wie jene Großanlage der Hamburger Architekten GMP, die in Peking den traditionellen Typus des chinesischen Hofhauses sozusagen übereinander gestapelt haben: Die Wohnungen sind dort um eine viergeschossige gemeinsame Halle zum Treffen, Spielen und Klönen arrangiert. Interessant auch für Europa – aber eine Ausnahme.

Das Grundrezept aller erfolgreichen Formen

Doch selbst eine so nüchterne Frau wie die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher behauptet, dass man Wohnhochhäuser auch für niedrigere Einkommen errichten könne. Die Statistik spricht dagegen. Dieser Bautyp war sogar für mittlere Einkommen in den westlich-kapitalistischen Staaten Europas nur zu jenen Zeiten erschwinglich, als das Ideal des egalitären Wohlfahrtsstaats Politik und Gesellschaftsplanung beherrschte.

Seit dem Zweiten Weltkrieg also und bis etwa 1980, bis zur neoliberalen Revolution Ronald Reagans und Margaret Thatchers, war man breit, diese Sonderform mitzufinanzieren. Damals wurde auch bereits klar, in den aus einzelnen Türmen, Appartementblocks und Reihenhäusern komponierten Vierteln Großbritanniens, Skandinaviens und der Niederlande, in den Wohngebirgen der alten Bundesrepublik und Frankreichs: Das Grundrezept aller erfolgreichen Formen des dicht gepackten Wohnens ist, dass in ihnen nicht nur gewohnt werden darf.

Eine sehr teure Bauform

Es müssen auch kleine Geschäfte, Restaurants, Sozialräume, Kindergärten und Schulen angeboten werden. Und, ganz wichtig: Die sozialen, ökonomischen und kulturellen Unterschiede zwischen den Bewohnern sollten nicht zu groß sein oder ihr Zusammenleben muss systematisch von Eigentümern oder dem Staat etwa per Sozialhelfern moderiert werden.

Es ist also eine sehr teure Bauform, und sie dient nur Randgruppen. Warum soll sie die breite Gesellschaft mit ihren begrenzten Mitteln überhaupt fördern, sei es durch billige Grundstücksverkäufe, Steuerabschreibungen, die Genehmigung immer höherer Grundstücksausnutzungen oder auch nur die in Berlin derzeit angelaufene intensive staatliche Vorplanungsarbeit bei der Suche nach Hochhausstandorten?

Baut bis zur Länge der Feuerleitern

Es ist billiger und auch sozialpolitisch, ökologisch und stadtgestalterisch effizienter, in der relativen Horizontalen zu bauen. Dass dabei in Marzahn andere Regeln gelten als in Wilmersdorf, ist selbstverständlich. Nur blinde Altstadtbild-Freaks wollen zwischen die Großbauten der DDR in Mitte niedliche Handtuchhäuschen stellen.

Wer aber an anderer Stelle hoch bauen will, muss das sehr gut begründen, mit einem Nachweis, was dieses Hochhaus Gutes für die Gesellschaft insgesamt leistet. Im Allgemeinen aber sollte gelten: Baut bis zur Länge der Feuerleitern, das genügt in aller Regel.