Derzeit beschäftigt Polens Staatspräsident die Frage, ob dem US-amerikanischen, 1947 in Warschau geborenen, in Princeton lehrenden Historiker Jan Tomasz Gross der polnische Verdienstorden entzogen werden soll. Erhalten hatte Gross die Auszeichnung 1996 für sein frühes Engagement zugunsten von Solidarnosc und für sein grandioses Buch über die sowjetische Terrorherrschaft in dem Teil Polens, der 1939 infolge des Hitler-Stalin-Pakts für knapp zwei Jahre unter die Herrschaft Moskaus fiel (Deutsch: „Und wehe du hoffst …“).

Bekannt wurde Gross 2001 mit seinem Werk „Nachbarn“. Darin klärte er auf, wer am 10. Juli 1941 das Massaker an Hunderten jüdischen Frauen, Männern und Kindern in der ostpolnischen Städtchen Jedwabne begangen hatte: nicht Deutsche, sondern polnische Nachbarn, die sich anschließend des Eigentums der Toten bemächtigten.

In seinem Buch „Fear“ (2006; „Angst“ bei Suhrkamp) dokumentierte er die Pogrome und weit mehr als tausend Morde, die christliche Polen 1945/46 nach dem Abzug der Deutschen an überlebenden und heimkehrenden Juden begangen hatten. Es endet mit dem Satz: „Polen müssen sich die Geschichte der Verfolgung der Juden in Polen so erzählen, dass das Opfer in dieser Erzählung sein eigenes Schicksal erkennen kann.“ Dazu gehört auch ein Feststellung wie diese, die der in sich ruhende, stets den Quellen zugewandte Gross in freundlicher Gelassenheit niederschreibt: „Die Polen waren zwar zu Recht stolz auf den Widerstand ihrer Gesellschaft gegen die Nazis, haben aber tatsächlich während des Krieges mehr Juden als Deutsche getötet.“

Vor solchen Wahrheiten möchte die derzeitige Regierung Polens ihr Volk behüten und Jan Gross, den 1969 ausgewanderten Sohn einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters, als Landesverräter ausstoßen. Die Kampagne dafür begann die jetzige Regierungspartei bereits 2006. Damals, gleich nach dem Erscheinen des Buches „Angst“, setzte sie die sogenannte Lex Gross im Parlament durch. Diese erweiterte den Paragrafen 132a des Strafgesetzbuches um den Straftatbestand, dass jeder, der „die polnische Nation öffentlich der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt“ mit bis zu drei Jahren Gefängnis zu bestrafen sei. Das Verfassungsgericht verwarf dieses Gesetz 2008.

Wie es der Zufall will, sitze ich derzeit gemeinsam mit Jan Gross im L…esesaal der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Er arbeitet an etwas Neuem. Demnächst wird er für zwei Monate in Berlin sein, einfach so, ohne Stipendium, ohne akademisches Brimborium. Warum? – „Berlin ist voller Überraschungen. Ich liebe die Cafés, die Atmosphäre. Dort kann ich entspannt schreiben, und es ist nicht weit nach Warschau, Kiew oder Pinsk …“ Warten wir ab, wovon das nächste Buch handelt. Jan Gross interessiert sich für das Verhalten der Menschen, nicht für glatte Nationalpädagogik, er wechselt gerne die Perspektiven. Anders als die meisten seiner deutschen Kollegen schreibt er wundervoll klar, knapp und dennoch quellenstark. Wer die Schrecken des 20. Jahrhunderts besser verstehen will, der lese Jan Gross und mache sich mit ihm über den Warschauer Politikzirkus lustig.