Schüler müssen die Welt verstehen, in der sie leben. Und derzeit leben wir in einer Zeit, in der die parlamentarische Demokratie zunehmend in Frage gestellt wird. Da kann es sehr hilfreich sein, wenn Schüler von der 7. bis zur 10. Klasse nun wieder benoteten Politikunterricht haben und dort über aktuelle politische Phänomene sprechen.

Gleichwohl wird das neue Schulfach erst einmal Unfrieden, ja Konflikte in die Schulen tragen. Denn insgesamt bleibt es für die vier Fächer Geschichte, Politische Bildung, Geografie und Ethik bei dem gleichen Stundenvolumen. Das bedeutet: Weil nun zu Recht mehr politische Bildung stattfindet, werden andere Fächer Federn lassen müssen.

Zu Lasten des Ethik-Unterrichtes

Das dürfte insbesondere für das Fach Ethik gelten, das erst vor gut 11 Jahren nach dem „Ehrenmord“ an Hatun Sürücü eingeführt worden ist, um allen Schülern gemeinsame  Werte zu vermitteln. Damals mussten Geschichte/Sozialkunde und Geografie jeweils eine Stunde abgeben. 

Jetzt sind die dafür ausgebildeten Lehrer endlich ausgebildet, da wird es erneut Gezerre um die Stunden geben. Wieder einmal delegiert die Bildungsverwaltung die Verantwortung an die einzelnen Schulen. Sie müssen über die Stundenverteilung für die einzelnen Fächer entscheiden. Wenn das die Schulleitung nicht gut moderiert, wird es massive Verteilungsrangeleien im Lehrerzimmer geben.

Problematische „Kontingentlösung“

Davor hatten die betroffenen Fachverbände bereits in einem offenen Brief gewarnt, wie sie auch uneinheitliche Angebote kommen sehen, die einen Schulwechsel erschweren dürften. Bei der Neuordnung des gesellschaftswissenschaftlichen Unterrichtsangebotes im Sinne einer „Kontingentlösung“ könnte es auch zu problematischen Entscheidungen kommen. 

Die Geschichtslehrer schaffen es heute schon angesichts der dichten Lehrpläne kaum, die Französische Revolution hinreichend zu behandeln oder am Ende der 10. Klasse noch gebührend auf die NS-Zeit oder gar die DDR-Geschichte einzugehen. Wenn sich Schulen dann für mehr Politik und weniger Geschichte entscheiden sollten, könnte eine ungünstige Wirkung haben.

Denn ohne hinreichende geschichtliche Kenntnisse sind politische Zusammenhänge besonders schwer zu durchschauen. Schon jetzt beklagen Wissenschaftler einen „historischen Analphabetismus“ von Schülern. Die politisch-historische Bildung müsste zudem durch attraktive, außerschulische Angebote weiter gestärkt werden.