Kommentar: Prora, wenn das der Führer wüsste

Zwischen Schubert- und Doktor-Schiwago-Schnulzen werden die Hörer von Klassikradio derzeit animiert, sich in dem von Hitler geschaffenen Seebad Prora auf Rügen einzukaufen. Die Firma Irisgerd (Berlin-Grunewald) vermarktet dort nicht etwa einen plumpen Nazikoloss, sondern „ein von den Visionen des Architekten Le Corbusier inspiriertes Gebäude mit zeitlos moderner Linienführung“. Die Preise liegen zwischen 3500 und 6500 Euro pro Quadratmeter. Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau fördert das Projekt; die Verkäufer locken mit Sonderabschreibungen von 65 Prozent auf des Führers „Baudenkmal“. Dafür blutet jeder Steuerzahler.

Schlecht hatten Hitlers Leute den Platz für ihr „Seebad der 20.000“ nicht gewählt. Errichtet wurde der vier Kilometer lange Gebäuderiegel zwischen 1937 und 1939. Als steingewordene Propaganda versprach er den deutschen Arbeitern eine bessere Zukunft. Sie sollten dort Urlaub machen, ein ihnen bis dahin unbekanntes Wort. Das änderte die Zwangsgewerkschaft Deutsche Arbeitsfront mit aller Energie: „Wir wollen 1938 in immer stärkerem Maße alle die Volksgenossen erfassen, die auch heute noch glauben, eine Urlaubsfahrt sei nichts für den Arbeiter. Diese Zaghaftigkeit muss endlich überwunden werden.“

Eine (subventionierte) Reise von 14 Tagen innerhalb Deutschlands kostete komplett zwischen 40 und 80 Reichsmark. Die den werktätigen Massen zugedachte Ferienanlage Prora sollte beweisen: Wir rüsten auf, bauen Ministerien und Flughäfen, aber wir vergessen den kleinen Mann nicht, es gibt mehr soziale Leistungen „für alle“.

Privates Rumpelmuseum verniedlicht Historie

Die gab es in der Tat – dank ungeheurer Staatsverschuldung. Im Herbst 1938 waren die Staatskassen leer. Misstrauisch geworden, kauften die Wohlhabenden keine Reichsanleihen mehr. Um die Beamten zu bezahlen, erbettelte der Finanzminister im November von den Großbanken einen Kassenkredit, gedeckt mit dem schon gesperrten, noch zu enteignenden Vermögen der Juden. Otto Kleinverdiener kümmerte das nicht. Er genoss die Wohltaten, fand seinen Führer weiterhin okay, ließ sich gerne und erfolgreich betören. So gesehen spricht einiges dafür, das nationalsoziale Volksseebad Prora gegen den Willen seiner Erfinder zu gentrifizieren. Die List der Geschichte ist unerschöpflich.

Allerdings sollte die spezielle Historie nicht unterschlagen werden. Derzeit kann man in Prora ein privates Rumpelmuseum besuchen, das die Nationale Volksarmee, die „Motorradwelt der DDR“ und Hitlers Kraft-durch-Freude-Herrlichkeit gleichermaßen verniedlicht. Daneben kümmert in einer abgelegenen Ecke das ärmliche Dokumentationszentrum Prora dahin. Dort erfährt der Interessierte, wie der NS-Staat mit solchen Projekten „die Nerven des Volkes“ für Krieg und Massenmord stählte, und wie in Prora später polizeiliche Mordbataillone für den Einsatz in der Sowjetunion trainierten.

Dieses der Aufklärung verpflichtete Zentrum braucht Hilfe. Eigentlich müssten es Bund, Verkäufer und Käufer dauerhaft finanzieren. Wer sich steuerbegünstigt in der Sieg-Heil-Immobilie räkelt und von „Le-Corbusier-Moderne“ salbadert, sollte die Vorgeschichte seiner als „solide Sachanlage mit Geldverdiener-Garantie“ beworbenen „Wohlfühloase“ nicht ungestört verleugnen dürfen.