Kommentar: Putin und der Esel Europa

Über Frieden in Syrien soll jetzt verhandelt werden. Ob es dazu kommt, ist, da  Oppositionsgruppen eine Teilnahme verweigern, zweifelhaft. Immerhin aber war man soweit bisher nicht gekommen. Die  „Regionalmächte“ Russland und Türkei hatten die Sache eingefädelt. Sie hatten auch bereits einen hübschen Verhandlungsort ausgeschaut: Kasachstan.

Als Obama Ende März 2014 in Den Haag die Eroberung der Krim durch Russland als einen Beweis für die Schwäche Russlands ansah und Russland als eine „Regionalmacht“ verspottete, da war das aus drei Gründen eine Dummheit. Die „Regionalmacht“ Russland grenzt zum Beispiel an  die baltischen Staaten, an Norwegen und Polen, aber auch an die Mongolei, China und Nordkorea. Die Russische Föderation erstreckt sich  über 17.102.344 Quadratkilometer. Die USA gerade mal über 9.826.675.

Zeiten neuer Kriegsführung

Der zweite Grund: In Zeiten der asymmetrischen Kriegsführung hat die Unterscheidung von Regional- und Weltmacht einen eigentümlich ranzigen Geschmack. Schon den Vietnamkrieg hatte die Weltmacht USA verloren, und dass ein paar Tausend Terroristen zur ernstesten Bedrohung der USA werden können, davon ist ja niemand so sehr überzeugt wie die US-Regierung. Heute nun, da demokratische Wahlen womöglich durch Cyberangriffe manipuliert werden können, ist der Glaube, es gebe noch so etwas wie einen Weltmachtstatus, lächerlich. Es sei denn, man spricht von den atomaren Möglichkeiten. Von der berühmten Zweitschlagkapazität. Dann allerdings wäre Russland, anders als Obama, der daran damals wohl nicht dachte, sagte, doch eine Weltmacht.

Der dritte Grund: Wer Putin sagt, er sei zweitrangig, der reizt ihn, das Gegenteil zu beweisen. Putin hatte  2005 das Ende der Sowjetunion als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Das war kein Trauergesang über das Ende des Sowjetstaates, das war Wut über den Untergang einer Großmacht. Putin sah von Anfang an seine Mission darin: Make Russia great again. Schon 1994 soll der damalige Vizebürgermeister von Petersburg auf einer Tagung der Körberstiftung erklärt haben, Russland habe um des Friedens willen freiwillig auf russische Gebiete verzichtet, auf die Krim, Nordkasachstan und das Kaliningrader Gebiet.

Die Parole des zukünftigen Präsidenten der USA, Donald Trump, lautet: Make America great again. Von welcher Größe spricht er? Als Nixon drohte, die Präsidentschaftswahlen zu verlieren, weil den Demokraten die Friedensverhandlungen in Vietnam zu gelingen schienen, da signalisierte er dem südvietnamesischen Diktator, er, Nixon, werde nicht weiterverhandeln, sondern bis zum Siege kämpfen. Ist das Trumps großes Amerika? Wir werden bald Genaueres wissen. Aber sicher ist, die Männerfreundschaft Trump-Putin wird an den unterschiedlichen Interessen beider Staaten ebenso scheitern wie an den ähnlich wildwuchernden Egos der Herren.

Der syrische Bürgerkrieg, der längst ein Stellvertreterkrieg geworden ist, wie es während des Kalten Krieges – vorsichtig geschätzt – wohl mehr als zwei Dutzend gab, wird nicht der letzte Krieg sein, in dem die beiden größten Atommächte aufeinanderstoßen.

Obamas abfällige Rede von der Regionalmacht Russland, hätte Europa klarmachen müssen, dass die USA Europa keine Viertelsekunde lang ernst zu nehmen bereit waren. Wenn Russland in den Augen der Obama-Regierung 2014 eine Regionalmacht war,  dann war Europa gar keine. Europa spielte damals keine machtpolitische Rolle. Sie ist inzwischen nicht gewachsen, sondern weiter geschrumpft. Putin war der Sack, auf dem Obamas Seitenhiebe landeten, gemeint war der Esel Europa, der nicht bereit gewesen war, der Eroberung der Krim entgegenzutreten als sie noch als Mummenschanz begonnen hatte.

Aus Schwäche habe Putin die Krim überfallen, erklärte damals Obama. Wie schwach erst müssen die gewesen sein, die das zugelassen haben? Das war und ist der Gedanke Putins. Er zieht aus dieser Schwäche seine Schlussfolgerungen. Welche hat die US-Regierung aus der Schwäche Russlands gezogen? Im November 2016 erklärte der US-Präsident in Berlin: „Russland ist ein wichtiges Land; militärisch handelt es sich dabei auch um eine Supermacht. Russland hat Einfluss in der Region und hat auch Einfluss auf der ganzen Welt. Damit viele große Probleme auf der Welt gelöst werden können, ist es in unserem Interesse, mit Russland zusammenzuarbeiten und eine Kooperation zu erreichen.“