Erinnert sich jemand an Harald Ewert? Klar. Sein Foto kennt jeder, zumindest die Zeitungsleser über 45 – und, he, wer hier ist das nicht? Aber von vorn: Die Bild-Zeitung hat Verdächtige zur Fahndung ausgeschrieben. Das Zentralorgan für Würde und Wahrheit druckte Steckbriefe von Teilnehmern der Hamburger Hungerunruhen.

Kevin und seine Oma

Sie hatten, allem Anschein nach, Fanalfeuer entfacht, Robby-Bubble-Kindersekt aus einem autonom geöffneten Rewe-Markt geborgen und das Aufprallverhalten einer Fritz-Kola-Flasche am Polizeiobermeister studiert. Schnell stellte das Blatt einen Steinewerfer oder der sich: „Er heißt Kevin, ist 19 und wohnt bei seiner Oma.“

Sensiblere Medien waren empört: Persönlichkeitsrechte? Unschuldsvermutung? Bild als selbst ermächtigter Hilfssheriff? Stimmt, das hat einen, wie wir Junk-Food-Kenner sagen, Hautgout. Doch im Furor gebar die Besserpresse auch Erstaunliches. Spiegel-Online etwa sah kaum veritable Delikte: „Ein einfacher Flaschenwurf wäre in der Regel keine schwere Straftat, zwei geklaute Sektflaschen sind es schon gar nicht.“

Körperverletzung ist nicht Pillepalle

Nun, Plünderung ist schwerer Landfriedensbruch. Paragraf 125a StGB. Tut mir leid. Steht da. Das bringt bis zu zehn Jahre, egal, ob Robby mit oder ohne Bubble. Und wer es „in der Regel“ für Pillepalle hält, Menschen durch Leergut zu beschädigen, benutzt einen dekalibrierten Sittenkompass.

Tagesschau.de pochte auf das Kunsturhebergesetz: Bildnisse dürften „nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet werden“, zum Beispiel, wenn der „dafür, dass er sich ablichten ließ, eine Entlohnung erhielt.“ Ich habe mir vor Lachen in die Jogginghose geschifft. Spaß.

Nein, ich dachte an 1992, Rostock-Lichtenhagen, vor dem brennenden Vietnamesenwohnheim: Harald Ewert hackedicht im DFB-Trikot, mit glasigem Blick den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben, einen korsikaförmigen Fleck im Schritt seiner grauen Jogginghose.

Dokument der Zeitgeschichte

Der Fotograf kam zu Geld und Ewert vor Gericht. Ich hielt sein Porträt bisher für ein rechtmäßiges Dokument der Zeitgeschichte, als vom öffentlichen Interesse gedeckt und die Szene für ein stinklegales Bild von, wie es im Gesetz eben auch heißt, „Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen“. Werch ein Illtum. Der Posterboy des ganz nahen Ostens hätte die halbe Welt verklagen können. Niemand hatte ihn gefragt geschweige denn bezahlt. Jetzt ist er tot.

Müsste dann nicht auch der Pegidist mit dem Sigmar-Gabriel-Galgen verpixelt werden? Gefordert hat das niemand, und er erhielt, hoffentlich, kein Honorar. Oder wieso wirkte das Medienecho eher dezent, als mutmaßliche Facebook-Fremdenfeinde bei Bild am „Pranger der Schande“ standen? Auch das war eklig.

Du kannst noch Minister werden, Kevin

Wer kam bei Ewert auf die Idee, er hätte ein Recht am eigenen Bild oder alles könnte ein Missverständnis sein? Vielleicht hatte er, höhö, nur einen Krampf in der Schulter. Verflixt, so mannigfaltig ist die Belichtung der Unterbelichteten. Wie schmierig Bild im Zweifelsfall auch sein mag: Meiner unqualifizierten Meinung nach war die ruhmreiche Schanzenviertelrevolution ein versammlungsähnlicher Vorgang im Sinne von Paragraph 23 KunstUrhG.

Zum Trost eines noch, Kevin: Das mit dem Stein muss nicht das Ende sein. Du kannst immer noch Außenminister werden.