Kommentar: Sind Ostdeutsche Migranten?

Sind Ostdeutsche Migranten? Darüber wird seit einigen Tagen in verschiedenen Medien diskutiert. Angestoßen wurde die Debatte von der Berliner Migrationsforscherin Naika Foroutan. „Sehr viele Erfahrungen, die Ostdeutsche machen, ähneln den Erfahrungen von migrantischen Personen in diesem Land. Dazu gehören Heimatverlust, vergangene Sehnsuchtsorte, Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen“, sagte sie der taz.

„Migranten haben ihr Land verlassen, die Ostdeutschen wurden von ihrem Land verlassen.“ Sie kündigte an, dass es eine große Studie geben soll, die untersucht, ob Ostdeutsche ähnliche Diskriminierung erfahren haben wie Muslime. Das Interview wurde begeistert aufgenommen.

Keine neue These

Neu ist die These, dass Ostler und Migranten wie ungleiche Brüder sind, allerdings nicht. Sie kam in den vergangenen Jahren immer mal wieder so oder so ähnlich auf, in Kommentaren, in der Politik. Zum Beispiel sprach die aus Thüringen stammende Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt 2015 davon, dass Ostdeutsche auch einen Migrationshintergrund haben – und erntete dafür heftigen Widerspruch.

Auch die sächsische Integrationsbeauftragte, Petra Köpping, legt ihren Job längst sehr viel weiter aus als die ursprüngliche Stellenbeschreibung nahelegt – und kümmert sich nicht nur um Ausländer, sondern auch um verunsicherte Ostdeutsche.

Ein Blickwechsel hat stattgefunden

Neu ist, dass sich nun offenbar auch Menschen mit ausländischen Wurzeln diese These zu eigen machen. Da hat offenbar ein Blickwechsel stattgefunden. Bisher war es eher so, dass es zwischen Ostlern und Migranten kaum Solidarität gab, eher Eifersucht, Konkurrenz, sogar tödlichen Hass, wenn man an die Mordserie des NSU denkt.

Ostler und Türken machen sich gern gegenseitig herunter, und die Westler gucken zu. Es ist nicht so lang her, dass türkischstämmige Kollegen über die „schlecht integrierten Ossis“ herzogen, die ja sowieso fast alle rechtsradikal und geistig zurückgeblieben seien.

Eine ostdeutsche Identität

Die Integrationsexpertin Naika Foroutan, die selber iranische Wurzeln hat, spricht darüber, was diese Zuschreibungen in Ostlern auslösen, auch wenn diese selbst Rassismus ablehnen: Auch sie fangen an, eine verteidigende Identität anzunehmen. Eine ostdeutsche Identität entsteht.

Auch viele Muslime hätten unter Druck angefangen, eine Religion zu verteidigen, die vorher Nebensache war, erläutert Foroutan. Könnte die Ostdeutschenfeindlichkeit der 90er-Jahre die Radikalisierung mancher Ossis befeuert haben? schreibt die Aktivistin Ferda Ataman. Ja, ja, ja, möchte man antworten. Dreimal Ja. Endlich versteht das einer, der keine Ost-Biografie hat.

Es gibt viel zu besprechen

Nur, was aus dem neu gewonnen Verständnis folgt, bleibt etwas wolkig. Und was ist so schlimm daran, wenn Ostdeutsche selbstbewusster werden? In dem taz-Interview ruft Naika Foroutan Migranten und Ostler auf, strategische Allianzen zu gründen. An wen richtet sich der Aufruf, wer soll sich da zusammentun?

Weder Migranten noch Ostdeutsche bilden eine homogene Gruppe. Junge? Alte? Gemäßigte? Radikale? Pegida? Moscheevereine? Und worum soll es gehen? Um Selbsterkenntnis? Netzwerke? Macht? Vielleicht wäre es Zeit für einen Runden Tisch, dieses schöne Instrument aus der Wendezeit. Zu besprechen gäbe es genug.