Nach meiner Erfahrung gibt es keinen Mitmenschen, der von sich sagen würde, dass er einen schlechten Geschmack hätte. Einen ausgefallenen, einen besonderen Geschmack – das würden ja viele einräumen. Aber keinen schlechten. Auch deshalb ziehen von sich überzeugte Geister so gerne über andere Menschen her, fast immer geht es um Äußerlichkeiten.

Der Anführer an einem Tisch im Urlaubsclub behauptet ein wenig zu laut, dass rothaarige Frauen kein Pink tragen dürfen – in dem Augenblick, als eine Frau, die zu der Beschreibung passt, sich an den Nebentisch setzt. Sie wird von vielen Augen kritisch gemustert, merkt das und wirkt verunsichert. Warum eigentlich? Warum muss eine Fremde in das Geschmacksraster eines Fremden passen? Der Mix aus knalligem Rot und knalligem Pink ist übrigens seit dem Frühjahr der Look 2017, das weiß der Kritiker im Club bloß nicht.

Vor Jahren ging eine Nachbarin durch meine Wohnung, sah ins Badezimmer und registrierte mit vor Süffisanz vibrierender Stimme: „Ach! Silberne Kissen?“ Ja, mein Gott, da lagen zwei kleine Stuhlkissen mit silbernen Bezügen. Meine Sache.

Das völlig verklemmte Maskuline

Ich kenne mehrere Leute, die unerbetene Offenheit mit Ehrlichkeit verwechseln. Durch den Dialog zieht sich ein Terror des Tadels – in den Medien und im Privatleben. Es geht um nichts, aber die Erregung ist groß: Wie sieht der denn aus! Wie kann man sich so anziehen! Der sollte mal den Friseur wechseln! Die muss aber dringend abnehmen! Immerzu regen sich Leute über Dinge auf, die für den Lauf der Welt ohne Bedeutung sind. Wie über Socken. 

Männer mit Socken in Sandalen waren die Metapher für das völlig verklemmte Maskuline. Ein so erwischter Mann wurde fotodokumentiert und verspottet. Wie mag sich die Frau gefühlt haben, die ihn morgens herausgelassen hatte? Heute sind Sandalen ein Trend berühmter Modemacher: „Utility Wear“. Sie werden mit langen Socken, sogar mit weißen, getragen. Wirklich. Weiter oben ist der informierte Mann mit knielangen Hosen unterwegs, seine Socken zieht er straff nach oben. Das Beispiel zeigt, dass Oberflächenkritiker ihre Lästeranlässe aktualisieren müssten.

Loben ist etwas Zärtliches

Das Loben wird dagegen unterschätzt. Es zieht bei Gesprächen die Mundwinkel nach oben und macht hübscher. Wenn ich vor einer Arbeit stehe wie vor einer Wand, und irgendjemand sagt, dass ich meine Texte doch eigentlich immer hinbekomme – dann lässt sich Beruhigung im Kopf nieder. Der Regisseur Matti Geschonneck erzählt, dass Schauspieler gelobt werden müssen, um ohne Angst spielen zu können. Kinder wagen den nächsten Schritt, weil sie für den davor gelobt wurden.

Loben ist etwas Zärtliches. Kann man sich ein liebendes Paar vorstellen, das sich durch Kritik und Tadel zusammengehalten fühlt? Die Natur weiß es besser. Im Fernsehen redete ein Gärtner über das Bedürfnis von Pflanzen nach Zuwendung. Es sei jetzt üblich, Pflanzen zu streicheln. Manuell kann das eine Großgärtnerei nicht leisten. Deshalb fährt stündlich eine Anlage über Töpfe und Beete: Textile Streifen gleiten wie Finger durch die Blätter, die das als Zärtlichkeit empfinden. Jedenfalls wachsen sie danach kräftig und bleiben gesund. Den meisten von uns könnten solche Berührungen auch gut tun. Sie müssen ja nicht stündlich passieren.