Selbstverständlich können die Katholische Kirche, die Genehmigungsbehörden in der Berliner Senatsbauverwaltung und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher als Hüterin der Berliner Denkmalpflege diesen Einspruch gegen den Umbau der St.-Hedwigs-Kathedrale vom Tisch wischen. Doch die Proteste aus der Gemeinde und darüber hinaus werden kaum verstummen.

Hier dreht es sich nicht um irgendeine Kirche, sondern um die Kathedrale der Hauptstadt. Ihr Umbau ist weder aus rituellen noch aus bautechnischen Gründen notwendig, zerstört aber einen historisch einzigartigen Innenraum, der auf das engste verbunden ist mit der Scham über das Versagen auch der Katholischen Kirche in der Nazizeit und dem Wunsch nach deutscher Wiedervereinigung. Wenn also diverse Fachleute  warnen, sollte man zuhören. Nicht zuletzt, weil in Berlin so oft nicht zugehört wurde, was die Zerstörung unwiederbringlicher Werte mit sich brachte. Die Staatsoper Unter den Linden oder die Umbauung der Friedrichswerderschen Kirche sind ja nur die jüngsten Beispiele.

Aus der Hedwig-Kathedrale würde eine ganz normale Kirche

Die Fachleute sind zudem kaum fundamentalistisch. So geben sie die Gestaltung der Märtyrerkirche im Sockelgeschoss regelrecht frei – was manchen orthodoxen Denkmalpfleger nicht freuen wird. Aber der Umbau soll tief in die statischen Strukturen der St.-Hedwigs-Kathedrale eingreifen und so ziemlich alle Oberflächen neu gestalten. Das ist, wie der benachbarte Umbau der Staatsoper zeigt, letztlich unkalkulierbar.

Sicher sind die funktionalen Mängel der Kathedrale nicht von der Hand zu weisen. Doch auch gilt die klassische Formel der Kunstgeschichte: Das Heutige muss seinen Ausdruck finden können.  Der Entwurf, der nun Erzbischof Heiner Koch vorliegt, hat seine Eleganz, ist weiträumig und offen. Unverkennbar verbindet er den Materialpurismus der Münchner 1960er-Jahre mit der ästhetisierenden Abstraktheit der 1990er.

Aber er ist eben auch gänzlich ohne historisches Bewusstsein, beruft sich nur noch in der abstraktesten Grundform auf den lange schon verlorenen Ursprungsbau der Kathedrale aus der Zeit Friedrich des Großen. Alles, was seither geschah, würde ausgelöscht werden. Aus dem einzigartigen Schwippertschen Innenraum der St.-Hedwigs-Kathedrale würde eine ganz normale Kirche.