Der Wetterbericht hat für heute Schnee vorhergesagt. Es wird auch bald Frost geben. Das ist eine gute Nachricht. Der Wintermantel wird aus dem Schrank geholt. Die Heizung aufgedreht. Schluss mit dem Schmuddelwetter. Alles gut? Bei mir um die Ecke ist eine kleine Grünanlage. Dort leben Obdachlose. Sie bauen sich aus Paletten, Sperrmüll, Plastikplanen „Häuser“. Tagsüber sitzen sie auf den Pollern an der Straße oder auf den Bänken. Es sind nur Männer. Alle paar Wochen kommt das Ordnungsamt und räumt ihr Zuhause ab. Dann beginnen sie erneut mit dem Sammeln von Sperrmüll.

Wegschauen geht nicht mehr

Keiner weiß genau, wie viele Obdachlose Menschen in Berlin leben. Man weiß nur, es werden immer mehr. Geschätzt ist die Zahl seit 2014 um ein Drittel gestiegen. Wegschauen geht nicht mehr, außer man steigt morgens in sein garagenwarmes Auto, fährt zum Firmenparkplatz und lässt die Stadt aus. Wer U-Bahn fährt, Bus oder S-Bahn sieht sie: Allein in Decken, Schlafsäcken auf dem Boden sitzend, einen zerknautschten Kaffeebecher als Behältnis fürs Betteln vor sich. Und immer häufiger zu mehreren in Zelten oder unter Planen auf Grünstreifen in Parks.

Eine Gemeinschaft der gestrandeten, die sich in der Schutzlosigkeit Schutz geben. Es geht das Gerücht, sie würden Schwäne braten und essen und Kaninchen fangen. Eine archaische Welt mitten in der ausgeklügelten Zivilisation der Großstadt. Ich weiß nicht, wie es um die Schwäne bestellt ist. Mir scheint, es gibt genug. Kaninchen jedenfalls könnte eine Dezimierung gut tun. Was die Obdachlosen auf meinem Grünstreifen essen, weiß ich nicht. Meist trinken sie.

Unter den Obdachlosen gibt es eine klare Hierarchie

Neulich las ich in einer Reportage Obdachlose wünschten sich mehr Respekt. Das scheint mir selbstverständlich. Aber wie geht das? Man solle freundlich mit ihnen sprechen, so der Obdachlose. Aber ist „wie geht’s denn so?“ angemessen? Also gebe ich Geld. Meist 50 Cent, mal auch nur 20 je nachdem, wie viele zerknautsche Becher sich mir auf dem Weg zur U-Bahn entgegenstrecken.

Der Obdachlose in der Reportage wünschte sich auch, mal etwas auswählen zu können. Man solle in die nächste Bäckerei gehen, ein Wurst- und ein Käsebrötchen kaufen und dann den Obdachlosen fragen: „Möchten Sie lieber das Wurst- oder das Käsebrötchen?“ Ich habe es noch nicht ausprobiert, würde aber denken, der Hungrige nimmt beide.

Mehr Schlafplätze im Winter

Es gibt unter den Obdachlosen eine klare Hierarchie. Ich weiß nicht, wer oben steht, aber ganz unten stehen die Osteuropäer. Sie bekommen vom Staat nichts. Keine Sozialhilfe, keine Wohnung. Alle Paragrafen sprechen gegen sie. Eine Politikerin sagte neulich, daran könne nur die Politik etwas ändern. Aber die Politik hat erst im Jahr 2016 genau diese Regeln beschlossen. Es war Andrea Nahles. Sie wollte – auf Druck der klammen Städte und Gemeinden – die „Einreise in die Sozialsysteme“ unterbinden.

Seither müssen Osteuropäer nachweisen, dass sie schon fünf Jahre hier leben, um Hilfe zu bekommen. Aber wie weist man nach, dass man fünf Jahre auf dem U-Bahnhof gewohnt hat? Kurz vor dem ersten Schnee hat das Berliner Abgeordnetenhaus dieser Tage beschlossen, mehr Geld für Obdachlose bereitzustellen. Mehr Schlafplätze im Winter, auch noch im April.

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