Angela Merkel und Wladimir Putin sind schwer zu vergleichen und haben doch einiges gemein. Beide prägen seit Beginn der 2000er-Jahre die Politik ihrer Länder und damit Europas. Sie sind die am längsten amtierenden politischen Führer des Kontinents, und in Russland wie in Deutschland lebt inzwischen eine ganze Generation, die nie etwas anderes erlebt hat. Das bedeutet aber auch: Nach der Regierungsbildung in Deutschland und der Wahl in Russland haben Merkel und Putin noch einmal ihre Macht stabilisiert. Aber sie sind nun Politiker der Vergangenheit. 

Die Frage ist, ob sie das deutsch-russische Verhältnis in einem so zerrütteten Zustand hinterlassen, wie es sich derzeit darstellt. Oder ob sie ihre vermutlich letzten Regierungsjahre  nutzen wollen, Wege zu einem wieder konstruktiven und vertrauensvollen Verhältnis einzuschlagen. Es gibt viele historische Gründe, weshalb die deutsch-russischen Beziehungen eine Kernfrage der politischen Entspannung zwischen Ost und West generell sind.

Noch immer ist Willy Brandts Ostpolitik dafür der beste Beweis. Damals half das gute persönliche Verhältnis zwischen Brandt und dem sowjetischen Generalsekretär Leonid Breschnew, ebenso wie später das zwischen Helmut Kohl und Michail Gorbatschow. Dazu wird es zwischen Merkel und Putin nicht mehr kommen. Und doch ist zwischen den beiden allein aufgrund der langen Zeit ihrer Zusammenarbeit eine gewisse Vertrautheit entstanden.

So hat Merkel sich nie an der Dämonisierung Putins beteiligt, die zu einem festen Bestandteil westlicher Auseinandersetzung mit Russland geworden ist. Jüngstes Beispiel dafür sind die Äußerungen des britischen Außenministers Boris Johnson, der erklärt hat, „höchstwahrscheinlich“ stecke Wladimir Putin persönlich hinter dem Giftgasanschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter. Belege präsentiert er für diesen doch ungeheuerlichen Vorwurf nicht. Sind es „Erkenntnisse“ westlicher Geheimdienste von der Qualität, mit der die USA dem Irak den Besitz von Chemiewaffen unterstellt und einen Krieg vom Zaun gebrochen haben, der die Region bis heute brennen lässt? Hinter dem Vorwurf steckt Methode, nämlich Russland grundsätzlich als hinterhältig und seinen Präsidenten als besonders bösen Buben darzustellen.

Suche nach gemeinsamen Wegen 

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier haben Putin Glückwunschschreiben zu seiner Wiederwahl gesandt, die zeigen, dass sie dieser Methode nicht folgen, sondern auf Dialog mit Russland setzen wollen. Das ist die klassische Aufgabe deutscher Politik gegenüber Russland, auch im europäischen Namen und Interesse. Dafür gibt es zwei Ebenen: Zunächst die Suche nach gemeinsamen Wegen, die großen Konflikte wie jene um die Ostukraine zu lösen. Dazu bedarf es neuer Bemühungen auf politischer, internationaler Ebene. Es wäre zum Beispiel ein großer Fortschritt, wenn der Westen sich mit Russland auf eine tragfähige Blauhelmmission der Vereinten Nationen verständigen könnte. Damit ließe sich womöglich endlich ein dauerhafter Waffenstillstand und der Rückzug der schweren Waffen erreichen, wie es die Konfliktparteien Russland und Ukraine längst versprochen haben, aber nicht umsetzen. In der Folge könnten die Europäer helfen, den zerstörten Donbass wieder auf- und die Sanktionen gegen Russland abzubauen.

Die zweite Ebene der Zusammenarbeit aber muss sich auf die Zeit nach Putin richten. Es gilt, das Bedürfnis nach gesellschaftlichem Wandel der nachfolgenden Generation zu verstehen und zu unterstützen. So, wie Putin ein Mann der Vergangenheit ist, so leben in Russland Millionen jüngerer Leute, die digital vernetzt sind, die gleiche Musik hören und die gleichen Serien schauen wie ihre Altersgenossen im Westen. Um allein ihren ökonomischen Bedürfnissen gerecht zu werden, wird Putins Regierung gezwungen sein, sich dem Westen gegenüber wieder kooperativer zu zeigen, was auch neue Felder des Austauschs der Zivilgesellschaften eröffnet.

Deutschland könnte durch Visa-Erleichterungen und Stipendien-Programme dazu beitragen, dass nicht nur russische Millionäre sich in westeuropäischen Metropolen vergnügen, sondern dass auch normale, jüngere Russen den Westen kennenlernen und Schlüsse für den weiteren Weg ihres Landes ziehen können. Wenn Angela Merkel und Wladimir Putin solche Entwicklungen förderten, könnten sie am Ende doch noch ein positives Erbe und eine gute Perspektive für das deutsch-russische Verhältnis vorweisen.