Wieder hatte Angela Merkel ein Fernseh-Wahlduell verloren. Aber schon die ersten Umfragen danach sehen Angela Merkel weit vorne und die SPD bei 22 (ZDF) oder 21 Prozent (ARD). Das Fernsehduell trägt offensichtlich wenig zur Meinungsbildung bei. Man könnte auf die Idee kommen, die Wähler wüssten sehr wohl zu unterscheiden zwischen Darsteller- und Macherqualitäten. Wer gar zu gut performt, der weckt womöglich das Misstrauen bei der Mehrheit der Wähler, die von Familienfeiern wissen, wie schlechte Darsteller sie sind. Und wie gut Onkel Fritz sich dort macht, der ansonsten nichts auf die Beine bekommt. Das Fernsehduell beflügelt also die Wähler weniger als man denken könnte. Die Wahlplakate? Wir filtern sie weg. Das Wahlprogramm? Keiner liest es.

Natürlich finden nicht nur junge Familien gut, dass die SPD mit kostenlosen Kitaplätzen wirbt. Aber selbst in Zeiten größerer Arbeitslosigkeit hat die Behauptung, man werde bei einem Wahlsieg die Lage der Arbeitslosen verbessern, kaum einer Partei spürbar geholfen. Man müsse daraus den Schluss ziehen, heißt es jetzt wieder, dass man die eigenen Ziele verständlicher und klarer zu verbreiten habe. Die Wähler werden behandelt, wie schlechte Pädagogen ein lernunwilliges Kind traktieren: Man redet lauter und strenger mit ihm, man gibt ihm noch mehr Hausaufgaben.

Die Wahrheit ist, der Wähler hat seine Erfahrungen gemacht. Mit Wahlprogrammen, mit Wahlparolen und mit Wahlversprechen. Er weiß sie zu nehmen. Sie gehören zur Show. Sie haben, das weiß er, mit der Wirklichkeit des Regierens nichts zu tun. Es mag den Wähler freuen, ein paar Wochen lang umgarnt zu werden, aber er weiß, dass er bald fallengelassen werden wird. Manche nehmen das übel. Sie überlegen sich, den etablierten Parteien Denkzettel zu geben.

Völliger Firlefanz

Aus diesem Potenzial nähren sich inzwischen wiederum andere Parteien. Die meisten Wähler aber haben zwar den Eindruck, dass sie die Parteien bei der Demokratie stören, aber sie nehmen ihnen das, angesichts der im Großen und Ganzen ja erträglichen Lage, nicht weiter übel und wählen, was sie wählen. Ganz unabhängig von Wahlprogrammen, Wahlparolen, Wahl-Duellen. Sie fühlen sich allerdings immer überflüssiger und sind darum auch immer schwerer zum Wahlgang zu bewegen.

Das läge, heißt es, daran, dass die Parteien kaum noch grundsätzliche Differenzen hätten, das mache die Wahlentscheidung so schwierig. Das stimmt. Aber wäre es ein Fortschritt, wir müssten uns in Deutschland zwischen einer Partei entscheiden, die wieder eine Mauer errichten und einen Schießbefehl gegen Eindringlinge verhängen würde und einer, die nichts riefe als „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“? Es ist gut, dass das nicht unsere Lage ist. Im Schulunterricht wollte man uns beibringen, wir sollten uns an Sachfragen orientieren. Wir lasen die Parteiprogramme und sollten uns eine Meinung bilden. Völliger Firlefanz. 

Die Sachfragen verschwinden in dem mehr oder weniger fröhlichen Basar von Koalitionsverhandlungen. Außerdem: Wir wählen Leute, die die Zukunft bewältigen sollen. Die besteht aus grundsätzlichen Konstellationen. Aber entschieden wird sie an überraschenden Ereignissen.

Eine Personalfrage

Wir lebten in einer anderen Welt hätte der Präsident der USA nach dem 11.September 2001 nicht – wie er sagte – zu einem Kreuzzug, nicht zu einem Krieg gegen den Terror aufgerufen. Gerhard Schröder wurde 1998 Kanzler, weil die Nation der Kohl-Regierung überdrüssig war. Es war damals viel vom Reformstau die Rede.

Die Agenda 2010, die Schröder später verkündete, hatte damit nichts zu tun. Wir wissen inzwischen, dass Politik nicht nur das Bohren dicker Bretter mit viel zu dünnen Bohrern ist, sondern auch der Versuch, mit den hinter jeder Ecke lauernden immer neuen Wegelagerern – in Deutschland gerne Probleme genannt – fertig zu werden.

Darum zählen für uns mehr die Personen als die Programme. Wenn wir überhaupt noch etwas erwarten. Wem trauen wir zu, dafür zu sorgen, dass wir nicht zerrieben werden in weltweiten Auseinandersetzungen wie denen zwischen Amazon und Google? Wer wird Deutschlands Energieversorgung besser sichern: das Einknicken vor Putin oder die Entwicklung von Alternativen zu den russischen Lieferungen? Das sind Sachfragen, sagen Sie. Richtig. Aber wer kann sie durchsetzen? Das ist eine Personalfrage. Also sehen wir uns die Leute an, wenn wir mehr vorhaben, als wütend zu sein. Wir wissen natürlich, dass wir uns täuschen und dass wir getäuscht werden können. Womöglich sind wir ja erwachsen geworden.