Eine in der letzten Woche veröffentlichte Studie des Pew Research Centers in Washington ergab, dass nur 35 Prozent der Deutschen im Jahr 2017 eine positive Meinung über die USA vertraten. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 57 Prozent. Die Veränderung überrascht wenig, Trump dürfte dabei eine wesentliche Rolle gespielt haben.

Deutschlands Verhältnis zu Amerika war immer Schwankungen unterworfen, egal, wer gerade im Weißen Haus saß. „Es ist nicht so, dass wir die Amerikaner nicht mögen, es ist eher die Regierung … und dann habt Ihr auch ein paar seltsame Gewohnheiten …“ Dies wurde mir von Deutschen immer wieder erklärt. Was ich aber nach wie vor erstaunlich finde, ist, dass die Deutschen gerade einige der zweifelhafteren US-amerikanischen Gewohnheiten besonders gerne übernehmen – solche nämlich, die häufig auch im Ruf stehen, „dumm“ und „kulturlos“ zu sein.

Alles ist größer geworden

Mit großem Enthusiasmus haben die skeptischen deutschen Konsumenten kommerzialisierte Feiertage wie Halloween und Valentinstag in das deutsche Leben integriert und sie zu tragenden Säulen der alljährlichen Konsumsaison gemacht. Die Konsumbereitschaft scheint in den letzten 20 Jahren stetig gewachsen zu sein. Alles ist größer geworden: die Portionen auf den Tellern, die Chipstüten, die Autos. Als ich nach Deutschland kam, galten SUV als Inbegriff amerikanischer Verschwendung. Heute sind sie eher die Norm als die Ausnahme in einem Land, das von einer Klima-Kanzlerin regiert wird.

Fast Food (und Übergewicht), fast credit (und Überschuldung), lange Arbeitstage (und Burnout), mehr Wachstum: Diese aus den USA stammenden ökonomisch-kulturellen Maximen sind mit enormem Tempo zur goldenen Regel geworden und haben die Unterschiede zwischen deutscher Work-Life-Balance und US-amerikanischem Workaholism, auch im Zusammenhang mit einem quasi obsessiv gewordenen Bedürfnis nach Convenience, nivelliert.

Gerne verweisen linke amerikanische Politiker wie Bernie Sanders auf Deutschland als ein positives Beispiel für Strukturen, die auch Amerika gerechter machen könnten, dennoch deuten neue Studien des statistischen Amtes der EU darauf hin, dass das Armutsrisiko für Arbeitslose nirgendwo in Europa so hoch ist wie in Deutschland.

Drang nach mehr Wachstum

Sicher haben Sanders und andere mit ihrer Bewertung des deutschen Sozialsystems in Bezug auf soziale Leistungen wie allgemeine Gesundheitsversorgung noch immer Recht. Es ist aber auch unübersehbar, dass in Berlin die Zahl der Obdachlosen stetig steigt (was auch statistisch belegt ist). Vergleichsstatistiken mit New York kenne ich zwar nicht, ich fahre aber täglich mit der S-Bahn und es vergeht kein einziger Tag, an dem ich mich nicht auf die eine oder andere Weise, ganz wie in New York, mit einem Obdachlosen oder psychisch Kranken konfrontiert sehe, der um sein Überleben kämpft.

In den letzten 20 Jahren sind Deutschland und die USA kulturell immer weiter zusammen gerückt. Dies ging einher mit dem globalen Drang nach immer mehr Wachstum und der Überzeugung, dass größer automatisch auch besser ist. Der Glaube an diesen Slogan ist heute nicht mehr nur typisch für die USA. Und auch die Situation der Verlierer im Spiel der Sucht nach immer mehr hat sich in den beiden Ländern angeglichen.