Anna ist im Urlaub in der Türkei. Sie hat ein Foto, einen Auftrag und eine schwierige Freundin in München. Die möchte, dass Anna die Gucci-Tasche mitbringt, die sie selber da mal gekauft hat – leider sei jetzt der Bügel gebrochen.

Kräftig feilschen

Anna geht mit dem Foto zum nächsten Verkäufer.  Der präsentiert alle Gucci-Taschen, die dem Foto nahekommen. Anna fotografiert eine, schickt das Foto der Freundin, handelt den Preis von 65 Euro auf 30 Euro herunter und fährt zufrieden mit dem Dolmusch, dem Sammeltaxi, in den Club am Meer zurück.

Da meldet sich die Freundin: Die neue Tasche sei einen Zentimeter kleiner als die alte. Sie wolle die nicht. Ich war bei diesem Ausflug dabei. Verkäufer und Kundin sprachen ganz selbstverständlich von der Gucci-Tasche – als ob das gesuchte Modell im Original nicht 1 550 Euro kosten würde.

Sieht aus wie echt

Alles sieht hier wie die Originale aus: Hermès-Tücher, Rolex-Uhren, Sonnenbrillen von Ray Ban, Lacoste-Shirts, Hemden von Ralph Lauren, Calvin-Klein-Jeans: Alles mit Etikett oder eingewebtem Label. Alles wie echt, aber billiger. Viel billiger. Und die Touristen handeln die Preise noch runter.

Aktive Verkäufer hüllen die Passantin in Sprühnebel und zeigen auf teure Parfüms im Karton. Gefälschte Waren sind Geschäftsgrundlage. Der deutsche Zoll konfisziert jährlich türkische Kleidungsplagiate im Wert von 1,5 Millionen Euro.

Die Türkei liegt in der Fälscherstatistik auf dem vierten Platz – hinter Estland, China und Russland. Nach EU-Angaben erbringen Produktpiraterie, illegale Überproduktion, Parallel- und Re-Importe bereits zehn Prozent des Welthandels. Das bedeutet einen weltweiten jährlichen Wirtschaftsschaden von über 300 Milliarden Euro.

Belastung für den Arbeitsmarkt

Auch der Arbeitsmarkt wird belastet: In Deutschland sollen nach Schätzungen des Justizministeriums jährlich etwa 50 000 Arbeitsplätze durch Produktpiraterie verloren gehen, in Gesamteuropa 300.000. Neben Umsatzverlusten müssen betroffene Unternehmen sogar Haftungsprozesse für Plagiate fürchten. Die größten Warenströme fließen durch das Netz: 2016 ließ Europol 4.500 Websites für Fake-Produkten sperren. Hier geht es um reale Märkte.

Bekannteste Luxusmarken zum Spottpreis sind in meinen Augen ein unerklärliches Phänomen. Wäre ich die Chefin von Dolce & Gabbana oder von Michael Kors – es könnte mir doch nicht egal sein, ob meine geschützte Marke millionenfach verschleudert würde. Eine Marke – und jetzt werde ich mal arrogant so als Chefin – die für eine kleine feine Klientel erschaffen wurde, möchte ich nicht von Leuten unterwandern lassen, die ihren Wert nicht schätzen.

Einfuhr bis 430 Euro

Detektive überwachen Ladendiebe. Wachschützer stehen um Fabriken. Polizisten begleiten Geldtransporte – ich sehe doch jeden Tag, dass dem Schutz von Besitz oder Einkünften Aufmerksamkeit gilt. Haben die größten Luxuskonzerne kein Interesse, Diebstählen juristisch zu begegnen? Und wenn ja, warum nicht?

Es gibt auch kein Verbot, solche illegal hergestellten Produkte privat aus dem Ausland einzuführen. Sie dürfen pro Person nur nicht mehr als 430 Euro gekostet haben, der Preis am Urlaubsort entscheidet. Es gibt Unterschiede zwischen EU- und Nicht-EU-Staaten. Ein türkischer Junge, ich sah ihn auf einem Foto, warb am Marktstand mit dem Slogan „Genuine fakes Watches“. Echte gefälschte Uhren. Der Markt regelt alles.