Als ich selber noch keine Kinder hatte, habe ich mich manchmal über Eltern gewundert, wenn sie erzählten, was sie alles aufführten, um ihre Sprösslinge ins Bett zu bekommen. Ich fühlte mich unangenehm berührt davon, wie die Mütter und Väter ihre Kinder verwöhnten. Falls ich einmal Kinder haben werde, dachte ich, würde ich mich nicht so tyrannisieren lassen. Ich weiß nicht, warum ich so unbedingt streng sein wollte, vielleicht hatte niemand nachts meine Hand gehalten, als ich klein war.

Wenn ich jetzt Bekannten von unseren Ritualen erzähle, entdecke ich eine ähnliche Reaktion wie bei mir damals. Jeden Abend läuft das so: Ich (oder mein Mann) bringe unseren knapp drei Jahre alten Sohn ins Bett, ich lese ihm etwas vor, dann mache ich das Licht aus und setze mich neben sein Bett auf einen Hocker. Ich sitze im Dunkeln, ich halte seine Hand, die Zeit verfließt. Manchmal dauert es zehn Minuten, bis er einschläft, manchmal eine Stunde. An manchen Tagen fühlt es sich an wie Yoga, meditativ, doch an anderen werde ich zappelig, ich denke daran, was ich erledigen muss, die Küche aufräumen, die Steuererklärung fertigmachen, die nächste Folge „Game of Thrones“ gucken. Normalerweise schläft das Baby besser als sein großer Bruder, aber gelegentlich machen sie sich gegenseitig wach. Dabei ruhig zu bleiben, ist Fortgeschrittenen-Yoga.

Die riesige Einschlaf-Industrie

Viele Eltern führen nachts ein geheimes Leben, in denen sich dramatische Szenen abspielen, in denen gestritten wird, geschrien, geweint, verhandelt und versöhnt. Es sind Nächte, in denen merkwürdige Kompromisse geschlossen werden, die für Außenstehende oft keinen Sinn machen.

Ein Vater berichtet, dass er jeden Abend zwei Stunden neben der vierjährigen Tochter sitzen muss, bis sie einschläft. Eine Mutter sagt, dass ihr dreijähriger Sohn nur mit einem laufenden Fön über dem Bett einschläft, weil er das so aus Babyzeiten gewöhnt ist. Eine andere erzählt, dass sie vor dem Einschlafen ihre Haare auf dem Gesicht ihrer Tochter ausbreiten muss, bevor sie einschlummert. Es gibt drei Typen von Eltern: die einen lassen ihre Kinder immer schreien, die nächsten lassen ihre Kinder nie schreien, und die dritten, die schwanken hin und her, unentschlossen zwischen Strenge und Weichheit. Das ist die größte Gruppe. Für sie gibt es eine riesige Einschlaf-Industrie, Ratgeber, Blogs, Apps, Schlafcoaches.

Schritt für Schritt vom Bett entfernen

Als mein Sohn ein halbes Jahr alt war, gab mir eine Freundin das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“, ein Klassiker. Die Methode der Autoren sieht vor, dass man das Kind allein und wach ins Bett legt, und dann nach festgelegten Abständen immer wieder nach ihm schaut, es aber nicht auf den Arm nimmt. Wir probierten das bei unserem Sohn aus, legten uns Papier, Stoppuhr und Stift hin. Gegen zwei Uhr nachts brüllten alle, also gaben wir auf.

In der Süddeutschen Zeitung empfahl kürzlich eine Kinderärztin, um ein Kind zum selbstständigen Einschlafen zu erziehen, solle man sich Schritt für Schritt vom Bett entfernen, aus dem Zimmer schleichen. Damit das Kind keine Angst bekommt, könne man sich in Rufnähe aufhalten. Man solle zum Beispiel im Flur bügeln. Mein Mann steht nun jeden Abend im Flur und bügelt, er bügelt so viel, dass wir schon die Nachbarn bitten mussten, uns ihre knittrige Wäsche vorbeizubringen. Aber das Kind schläft allein ein.