Ja, es ist möglich, dass alle alles richtig machen – und dass dann doch etwas Furchtbares geschieht. Möglich, obgleich unwahrscheinlich, ist dies auch im Fall des bislang verheerendsten islamistischen Terroranschlags auf deutschem Boden: der Lkw-Attacke des Tunesiers Anis Amri auf dem Breitscheidplatz in Berlin. Fast sieben Monate ist das schon her. Amri, 24, ein vielfach gescheiterter, vagabundierender Kleinkrimineller und Asylbetrüger, islamistisch fanatisiert erst in den letzten Monaten seines Lebens, war mit einem gekaperten Sattelzug in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast. Elf Menschen starben, fast 70 wurden verletzt, den polnischen Lkw-Fahrer hatte Amri schon zuvor getötet. Er selbst wurde wenige Tage später von der italienischen Polizei erschossen, irgendwo bei Mailand, auf der Flucht.

Jetzt wird sich ein neuer parlamentarischer Untersuchungsausschuss seines Falls annehmen. Es ist das zweite Gremium dieser Art nach dem Ausschuss in Nordrhein-Westfalen, wo die Aufklärungsarbeit im Wahlkampf versank. An diesem Freitag setzen sich im Berliner Abgeordnetenhaus zum ersten Mal zwölf Politiker aller sechs Fraktionen zusammen, um ihr Programm für die nächsten zwei bis drei Jahre zu verabreden. Sie wollen mit Hilfe einer großen Entourage Dutzende von Zeugen vernehmen und Abertausende von Aktenseiten auswerten. Dies alles, um die eine entscheidende Frage zu beantworten: Wie konnte das passieren? Präziser: Hätte dieser Anschlag verhindert werden können? Und was können deutsche Sicherheitsbehörden verbessern, um tatsächlich mehr Schutz zu bieten?

Die Frage, ob der Anschlag hätte verhindert werden können, steht dabei irgendwo zwischen Banalität und Wahnsinn. Selbstverständlich hätte er verhindert werden können. Auf der einen Seite. Zum Beispiel, wenn der ausreisepflichtige Amri in Nordrhein-Westfalen so lange in Abschiebehaft genommen worden wäre, bis sein Heimatland ihm Papiere ausstellt. Was aber erst, wie zufällig, zwei Tage nach dem Anschlag geschah. Zum Beispiel, wenn Amri in Berlin als professioneller, gewalttätiger Drogendealer in Untersuchungshaft genommen worden wäre. Was zumindest den rasanten Verlauf seiner Radikalisierung hätte stören können.

Die eigene Sinnhaftigkeit unter Beweis zu stellen

Aber schon ist man beim „hätte“ und damit beim Wahnsinn. Niemand weiß zuverlässig, was hätte verhindert werden können. Auch ein jahrelang tagender Untersuchungsausschuss wird daran nichts ändern. Natürlich lässt sich das Verwaltungshandeln verbessern, der Informationsaustausch intensivieren, die Fehlerquoten durch gute Strukturen und ausreichend Personal niedrig halten. Doch auch eine optimal aufgestellte Sicherheitsbehörde kann nicht jeden Irren auf dem Weg in den glorifizierten Märtyrertod unschädlich machen. Das zeigen nicht nur die Anschläge aus jüngerer Zeit, in Paris, Brüssel, London. Bereits jahrzehntelange Erfahrung mit dieser bitteren Wahrheit hat Israel: Der Iron Dome fängt Raketen, die Mauer erschwert den Waffenschmuggel, Sicherheitskräfte sind fast überall auf den Straßen, kontrollieren Taschen, zeigen Präsenz. Blutige Anschläge mit Autos und Messern gibt es es trotzdem. Lohnt in Berlin also überhaupt ein Untersuchungsausschuss?

Würden nicht interne Untersuchungen der Kriminalämter auf Landes- und Bundesebene reichen, dazu Arbeitsgruppen der Verfassungsschützer und der Staatsanwaltschaften? Reicht nicht am Ende sogar ein Berliner Sonderermittler wie Bruno Jost, der renommierte Bundesanwalt, der im Auftrag des rot-rot-grünen Senats bereits nach hausgemachten Problemlagen im Fall Amri fahndet – und auch fündig wurde? Die Fragen sind müßig. Es hat schlechterdings auch einen Untersuchungsausschuss im Parlament zu geben, denn er ist das Ermittlungsinstrument der Volksvertretung – und es muss immer auch nach politischen, nicht nur nach fachlichen Konsequenzen gefragt werden.

Alle Beteiligten beschwören bereits routiniert ihren ausschließlichen Aufklärungswillen, angeblich fern jedes parteipolitischen Interesses. Das ist selbstverständlich Unsinn. Die CDU, die den Ausschuss führt, möchte ihren Ex-Innensenator Frank Henkel nicht bloßstellen. Die SPD wird sich schützend vor ihren Amtsinhaber Andreas Geisel werfen. Grüne und Linke üben sich in Koalitionsdisziplin – und die FDP wird sich ebenso wie die AfD als Chefankläger zu profilieren versuchen. Dennoch kann es qualitätsvolle Befragungen und Erkenntnisse geben. Auch dieser Ausschuss hat die Chance, seine eigene Sinnhaftigkeit unter Beweis zu stellen.