Berlin - Der 9. November hat es in sich. Schon immer. Vor siebenundzwanzig Jahren veränderte sich die Welt an diesem Tag, weil die Berliner Mauer fiel. Nun verändert sich die Welt wieder einmal an einem 9. November, weil in den Vereinigten Staaten ein Mann zum Präsidenten gewählt worden ist, der viel von Mauern gesprochen hat in seinem Wahlkampf  -  der oft angekündigt hat, die USA vom Rest der Welt abschotten zu wollen. Wir werden sehen, ob er das tut. Wahrscheinlich ist es nicht, spricht er doch jetzt schon vom Brückenbauen.

Und doch ist dieser Tag ein historischer, vergleichbar mit dem Mauerfall vor fast 30 Jahren. Weil auch an diesem 9. November sich etwas Bahn bricht, was sich lange aufgestaut hat, und was viele lange nicht wahrgenommen haben. Obwohl es sich mit dem Brexit-Votum, das eigentlich auch nicht so überraschend kam, längst angekündigt hatte. Heute ist klar: die politische Wirklichkeit ist eine andere, als viele Wahlforscher und auch Journalisten sie vorhersagen.

Eine demokratische Wahl

Das kann man bedauern, aber man sollte es zunächst zur Kenntnis nehmen. Niemand wird bestreiten, wie immer man den Sieg Trumps bewertet, dass die Amerikaner in einer demokratischen Wahl über ihren Präsidenten abgestimmt haben. Und niemand kann bestreiten, dass diese Wahl -  anders als alle Prognosen und anders übrigens auch als alle Social-Media-Trends - ein Ergebnis präsentiert hat, das nur eine solche Wahl offenbaren kann.

Das wird uns auch in Deutschland beschäftigen, vor allem bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr. Trump, die Brexit-Gegner und hierzulande auch die AfD bringen Menschen zur Wahl, die sich bislang den demokratischen Ritualen verweigert oder irgendwie missmutig mitgespielt haben. Jetzt zeigen sie, was sie denken. Und die etablierte Politik ist überrascht, wenn Wahlen von denen gewonnen werden, die klar sagen, dass sie die Demokratie gar nicht so faszinierend finden. Obwohl auch ihnen damit Gehör verschafft wird.

"Ihr könnt uns mal!"

Selbstverständlich wird nach den Landtagswahlen in diesem Jahr, nach den Erfolgen der AfD, auch in Deutschland darüber schon diskutiert. Doch es ist etwas anderes, wenn hierzulande eine Protest-Partei ungewohnte Erfolge erzielt, oder wenn plötzlich mehr als die Hälfte der Wähler in der letzten verbliebenen Supermacht der Welt sagt: Ihr könnt uns mal! Das sind Zeichen einer Zeitenwende, die klar machen, dass eine Mehrheit sich bei den etablierten Politikmachern nicht mehr aufgehoben fühlt. In den USA war das allerdings bei dieser Wahl relativ einfach zu haben. Trumps Gegnerin Hillary Clinton ist das personifizierte Washingtoner Establishment, sie dafür anzugehen, war nicht schwierig. Das war selbst der demokratischen Partei klar, und dennoch wurde Clinton aufgestellt. Das Ergebnis ist nun eine weitere Spaltung der Gesellschaft.

Wähler finden Welt immer unsicherer

Gehen wir davon aus, dass sich die Bevölkerung nicht nur in den USA immer weiter abwendet von der herkömmlichen Politik. Und attestieren wir den Wählern Trumps, den Brexit-Befürwortern und den Wählern europäischer Protestparteien, dass sie so wählen, weil sie die Welt zunehmend unübersichtlicher und unsicherer finden. Dann wäre es gut, wenn die etablierte Politik das ernst nähme.

Nur: Wer findet, dass die Welt aus den Fugen ist und sich von ihr abschotten will, hat leider auch keine Lösung. Diese Welt wird nicht sicherer, wenn der neue US-Präsident eine Mauer an der Grenze zu Mexiko baut, Europa wird nicht besser, wenn die Briten gehen, und Deutschlands Wirtschaft würde erhebliche Probleme bekommen, wenn die Kanzlerin auf Grenzschließungen gesetzt hätte. Aber man kann nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass alle Wählerinnen und Wähler – in den USA und in Deutschland – das auch so sehen. Genauso wie man nicht davon ausgehen kann, dass diejenigen, die bei in Wahlen gegen die Demokratie stimmen, freudig erkennen, dass ihnen erst die Demokratie dazu die Möglichkeit gegeben hat. Denn das ist ja auch wahr.

Jetzt Mauern aufzubauen wäre falsch

Vielleicht sollte man den 9. November, an dem einmal eine Mauer gefallen ist, auch heute als ein Zeichen nehmen. Warum haben so viele so lange nicht erkennen wollen, dass sich etwas aufgestaut hat, was nun auch in demokratischen Wahlen sehr mehrheitsfähig wird? Das ist die Frage, die es bis zum kommenden September, bis zur Bundestagswahl, zu klären gilt. Und eine Antwort der deutschen Politik auf den Erfolg Trumps wäre dabei wohl hilfreich: Jetzt Mauern aufzubauen gegen den neuen Präsidenten und seine Wähler, gegen die Mehrheit der Amerikaner, ist moralisch verlockend. Aber nicht nur politisch falsch.