Alexanderplatz - Mantelkragen an Mantelkragen stehen die Menschen im Pizza-Imbiss. Und wo kein Mensch, kein Hund, kein Kinderwagen ist, türmen sich Taschen, Tüten, Pakete. Auch hinter der gläsernen Theke ist es eng. Außer Pizza gibt es Döner und, saisonbedingt, Glühwein. Vier Männer belegen Teigfladen, säbeln die fertigen Stücke in bissgroße Happen, schaben Fleisch vom Spieß, zapfen Kaffee, nehmen Bestellungen und Geld entgegen. Dass sie nicht permanent übereinander fallen, grenzt an ein Wunder.

Ihr geschmeidiges Umeinanderherum wirkt wie ein jahrelang einstudierter Tanz. Es ist warm, und alle paar Minuten, wenn einer der Männer die Ofenklappe öffnet, um die fertigen Pizzastücke gegen die noch blassen auszutauschen, wallt eine Hitzewolke durch den Raum. Wäre die Pizza so dick wie die Luft, keiner würde sie essen.

Stress statt Besinnlichkeit

Draußen legt sich die beginnende Dämmerung über den Rummel, der wegen dem Wollsockenstand Weihnachtsmarkt heißen darf und ich will mir gar nicht ausmalen, was los ist im Imbiss, wenn der Abend kommt. Trotz der vielen Stände mit Essen. Auf dem Heimweg isst der Stadtmensch gern in der Bahn. Zwei Fliegen mit einer Klappe, zack! Gerade im Dezember ist keine Zeit. Schon jetzt spürt man die Eile hier und da, die sich in den nächsten Stunden ausbreiten wird wie eine Laufmasche.

Auch einige der Kunden haben nicht viel Zeit oder glauben es zumindest. Und weil Eile unfreundlich macht, wächst minütlich meine Bewunderung für die Pizza-Bäcker. Routiniert und höflich verrichten sie ihre Arbeit, als befände sich ihre Bude am Strand, kühle Brise inklusive und nur entspannte Urlauber. Und nicht Gäste wie der Herr, der zum 28. Mal augenrollend und theatralisch seufzend auf seine dicke Uhr guckt.

(Fehlende) Manieren zeigen sich nicht nur beim Dinner

Ja, es ist ein Bahnhof, und ja, Züge warten nicht. Trotzdem könnte ich, stünde ich auf der anderen Seite der Theke, der Versuchung wohl nicht widerstehen, ihm Brausepulver in den Streukäse zu mischen. Jetzt klackert er mit den Findernägeln auf die Glasplatte. Den Mann am Ofen kümmert’s nicht. Mit stoischer Liebenswürdigkeit fragt er den nächsten in der Reihe nach seinen Wünschen. Der so verständnislos guckt, als sei er gebeten worden, den Satz des Pythagoras vorzutragen. Er trägt riesige Kopfhörer, die er auch nicht absetzt, als der Pizzabäcker ihn zum zweiten Mal fragt. „Salami“ bellt er der Lautstärke derer, die sich selbst nicht hören können.

Ganz anders das Mädchen hinter ihm. Ihr genuscheltes „Margherita“ schafft es kaum über die Theke, und von den Lippen ablesen kann man es ihr nicht, da sie den Blick aufs Smartphone gesenkt hat. In solchen Momenten denke ich, dass sich Manieren nicht beim feinen Dinner zeigen, nicht da, wo man jemand sein will, sondern an Orten, wo alle einfach sind. Dort, wo man etwas bekommt, was man für selbstverständlich hält. Wie Pizza am Pizzastand.
Die Geduld und die Freundlichkeit der Bedienung ist allerdings ein Extra.