Von einer zerrissenen Welt sprechen die Macher des Elitetreffens in Davos. Als sie diesen treffenden Titel für ihr Weltwirtschaftsforum wählten, konnten sie nicht ahnen, dass mit Donald Trump der Mann in dem Schweizer Nobelort auftreten würde, der diese Spaltung und Abschottung verkörpert wie kein Zweiter. Der US-Präsident wird in den Schweizer Bergen die Abschlussrede halten, sollten ihm nicht noch die innenpolitischen Querelen in Washington rund um den Haushalt einen Strich durch seine Reisepläne machen.

Das letzte Wort hat also Donald Trump. Dies gilt – leider – auch im übertragenen Sinne. Ein Dialog ist nicht vorgesehen und wäre auch nicht sinnvoll. Weder mit Kanzlerin Merkel, die nach längerer Auszeit in der Schweiz auf die Weltbühne zurückkehrt, noch mit Frankreichs Staatspräsident Macron oder den vielen anderen Regierungschefs und Konzernbossen hat Trump viel zu besprechen.

Mit seiner rücksichtslos nationalistischen Politik überrollt er die internationale Agenda wie eine Lawine und wird im tief verschneiten Davos auch schon vor seinem Erscheinen die Gespräche dominieren. Und so wird es bei dem Gipfel vor allem darum gehen, eine Antwort auf diesen Umbruch in der globalen Politik zu finden.

Nötig wäre eine geschlossene internationale Politik

Dabei läuft die Weltwirtschaft rund wie seit Jahrzehnten nicht. Pünktlich vor Davos hat der Internationale Währungsfonds seine Wachstumsprognose noch einmal nach oben korrigiert. Alle großen Wirtschaftsblöcke – Nordamerika, Europa und China – tragen gemeinsam zu einem ungewöhnlich synchronen Aufschwung bei. Diese günstige Konstellation könnte für den Beginn einer goldenen Ära stehen.

Leider spricht wenig für einen solchen Optimismus. Risiken gehen nach der langen Phase extrem niedriger Zinsen nicht allein von den hohen privaten Schulden in vielen Ländern aus. Ein tiefer Riss geht durch die Gesellschaften, weil vor allem in den wohlhabenden Ländern die Kluft zwischen Arm und Reich weiter wächst.

Nötig wäre in dieser unübersichtlichen Lage eine geschlossene internationale Politik. Tatsächlich aber präsentiert diese sich zerrissen wie lange nicht. Statt gemeinsam Strategien gegen die Ungleichheit zu entwickeln, arbeiten die führenden Wirtschaftsmächte gegeneinander.

„Protektionismus heißt, sich in einer dunklen Kammer einzuschließen“

Die wirtschaftspolitischen Spannungen verschärfen sich gerade zwischen den Vereinigten Staaten und China, den beiden größten Volkswirtschaften der Erde, in jüngster Zeit bedrohlich. Schon geht an den Finanzmärkten die Angst um, Peking könnte die Kampfansagen aus Washington annehmen und zurückschlagen.

Als größter Gläubiger finanzieren die Chinesen den US-Amerikanern das Leben auf Pump. Eine Drosselung dieser Kapitaltransfers über den Pazifik galt lange als unmöglich, weil sie beide Nationen und die Weltwirtschaft zu hart treffen würde. Auch diese Gewissheit beginnt zu bröckeln.

Vor zwölf Monaten nutzte der chinesische Staatschef Xi Jingping die Chance, sich als Führer einer verunsicherten Welt zu empfehlen. „Protektionismus heißt, sich in einer dunklen Kammer einzuschließen“, sagte Xi. So weckte er Hoffnungen, ausgerechnet China könne den Freihandel gegen die USA verteidigen. Natürlich war dies von Anfang an Unsinn, weil Peking zu Hause eine knallhart nationale Industrie- und Abschottungspolitik fährt, die so gar nicht passt zu den schönen Bekenntnissen zu Globalisierung und offenen Märkten.

Brutaler Egoismus

Xi will die Weltwirtschaft chinesischer, Trump möchte sie amerikanischer machen. Und so müssen die Europäer, die Afrikaner und Lateinamerikaner mit zwei Supermächten fertig werden, die rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen.
Wirklich neu ist das in der Menschheitsgeschichte nicht. Aber ein wenig Enttäuschung darüber, dass wir im 21. Jahrhundert nicht weiter sind, sollte erlaubt sein.

Dieser brutale Egoismus geht zudem über reine Rhetorik hinaus. Er hat reale Folgen, auch wenn die gute wirtschaftliche Lage in den USA bislang manches überdeckt. Mit seiner Steuerreform beschenkt Trump gerade die Millionäre und Milliardäre von Apple, Google und Facebook. Das widerspricht allen Beteuerungen Trumps, er wolle den Verlierern der Globalisierung helfen.

Es wird auch alle anderen Staaten von Japan über Frankreich bis Deutschland unter Druck setzen, ihrerseits den Unternehmen und Aktionären entgegenzukommen. Schon an diesem Beispiel zeigt sich deutlich, dass sozialer Ausgleich und Fairness ohne internationale Zusammenarbeit noch schwerer zu erreichen sind.