Es gibt Sätze, die Eltern gesagt bekommen, wenn man über Probleme mit dem Kind redet. „Das ist nur eine Phase“, lautet einer davon, geäußert von Müttern oder Vätern mit älteren Kindern, mit der milden Sicht des Rückblicks.  Wenn man in der schlimmen Phase steckt, erscheint sie allerdings endlos. Manchmal sieht man im Drogeriemarkt ein kleines Wesen mit rotem Kopf und verzerrtem Gesicht stehen, das kleine Wesen brüllt, in einer Lautstärke, die das Ordnungsamt alarmieren müsste, während die Beinchen auf den Boden stampfen.

Die müde Frau und der Berserker

Sobald sich ihm jemand nähert, dreht es die Lautstärke etwas auf. Daneben steht eine müde Frau und stiert vor sich hin. Die Frau bin ich, das kleine Wesen mein Sohn.

Ich weiß nicht mehr, was passiert ist. Es gibt zu viele Kämpfe, sie verschmelzen zu einer Schlacht. Vielleicht war es so: Mein Sohn war mit dem kleinen Wagen, den es extra für Kinder gibt, durch den Laden gesaust, er hatte vor einem Regal angehalten und angefangen, lauter schöne bunte Sachen in den Wagen zu legen. Erst versuchte ich, ihm ruhig zu erklären, dass wir weder Lippenstifte, noch Nagellack und Lidschatten benötigen. Keine Reaktion. Als ich versuchte, ihm die Sachen aus den Händen zu nehmen, fing er an zu schreien, zu strampeln. Die Leute starrten mich an,  während ich mich mit meinem zweijährigen Sohn auf dem Boden des Drogeriemarktes balgte.

Wo ist mein fröhliches, neugieriges und liebenswürdiges Kind geblieben? Er hat sich in ein Monster verwandelt, das schreit und wütet. Terrible Twos, sagen die Engländer zu dieser Phase, schreckliche Zweijährige. Und es ist bekannt, dass die Engländer nicht zu Übertreibungen neigen.

Macht das irgendeinen Sinn?

Ich könnte sagen, es herrscht zwischen uns ein Nervenkrieg, wenn ich noch Nerven hätte. Keine Ahnung, warum das evolutionsbiologisch Sinn macht. Haben sich auch die Urmenschen-Babys vor die Beerenbüsche geworfen und geschrien, dass ihnen die Farbe der Beere nicht passt? Von Freud weiß man, wie wichtig diese Phase für die Entwicklung ist. Wenn ich jetzt was falsch mache, haben wir in dreißig Jahren den nächsten Erdogan. „Konsequent sein“ rät eine Freundin. Doch wir können so konsequent sein, wie wir wollen, das Kind ist noch konsequenter. Wie bitte setzt man Grenzen, wenn das Kind einen Anfall kriegt, nur weil man den Fehler gemacht hat, seinen Toast morgens durchzuschneiden? Neulich zog er morgens seine Gummistiefel an, setzte die Mütze auf und rannte die Treppen hinunter zum Fahrrad. Er kreischte und strampelte, als ich ihn wieder hochtrug. Er hatte nur seinen Schlafanzug an, draußen regnete es.

Bei der Durchsetzung seiner Wünsche wendet das Kind die Methode an, die man von Autokraten kennt: je lauter gebrüllt wird, desto besser.

Wie Trump, nur ohne Twitter

Er ist zwar nicht auf Twitter, wechselt aber trotzdem seine Meinung mit jedem Atemzug. Fahrrad fahren! Nein Fahrrad fahren! Spielplatz! Nein Spielplatz! Er verhält sich wie Trump, laut, polternd, unberechenbar. Oder verhält sich Trump wie ein Zweijähriger? Was hat Mommy Trump vor über siebzig Jahren falsch gemacht?

Mein Mann sagt: Könnten wir ihn nicht bei deinem Bruder abgeben? Das Kind, nicht Trump. Dazu muss man wissen, dass mein Mann das Kind nach zehn Minuten zurückholen würde, weil er es so sehr vermisst. Das ist das Seltsame am Kinderhaben: Man hält es mit ihnen nicht aus, aber ohne sie auch nicht.