Was passiert, wenn der Sozialismus in die Sahara kommt? Antwort: Der Sand wird knapp. Der DDR-Bürger erinnert sich. Bei seinen östlichen Nachbarn ging es noch mangelhafter zu. Nun sehen wir, was passiert, wenn der Sozialismus nach Venezuela kommt, in das Land mit den größten Erdölreserven – das Öl wird knapp.

Seit der charismatische Volkstribun Hugo Chávez um die Jahrtausendwende die dem Freiheitshelden Simon Bolívar geweihte Revolution und in deren Folge den Sozialismus des 21. Jahrhunderts ausrief, zog der Mangel ein: Neben Benzin gibt es auch kein Toilettenpapier. Die knappen Nahrungsmittel landen auf dem Schwarzmarkt, in den Krankenhäusern sterben Kinder (und nicht nur diese), weil die Medikamente fehlen. Dafür gibt es jede Menge Inflation, derzeit tausend Prozent. Anders als die Wirtschaft wachsen die Colectivos – regierungsnahe paramilitärische Banden, die Menschen terrorisieren, sobald sie sich nicht genügend für die Volksmacht begeistern.

Nicolás Maduro, der als Chávez’ Nachfolger den Verfall verwaltet, kündigte im April an, die Mitgliederzahl dieser Milizen von 100 000 auf eine halbe Million zu erhöhen und alle zu bewaffnen. Die Revolution trat in die Phase der direkten Gewalt und der institutionellen Zerstörung. Etwa 130 Menschen starben seit April bei Unruhen und Protesten gegen die Regierung.

Brasiliens linke Regierung wurde gestürzt 

Mittlerweile stürzten demokratische Mindeststandards: Wahlen wurden manipuliert, das Parlament ist entmachtet, die Opposition unterdrückt, ihre Politiker verfolgt und verhaftet. Der sozialistische Gang.

Der linke Versuch im Nachbarland Brasilien versank in Überschuldung (u.a. für spendable Sozialprogramme) und Korruption. Arbeiterführer Lula da Silva, Volksheld und Präsident von 2003 bis 2011, endete als verurteilter Betrüger des Volkes. Für neun Jahre muss er ins Gefängnis. Seine Nachfolgerin, die geläuterte Ex-Guerillera Dilma Rousseff, musste wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Da spielten auch konservative Intrigen eine Rolle und Rousseffs Nachfolger, der konservative Präsident Michel Temer, ist offenbar nicht besser. Aber erhoffte man von Arbeiterführern nicht anderes?

Schließlich die sozialistisch-peronistische Variante im Argentinien der Cristina Kirchner. Was passierte dem weltweit drittgrößten Rindfleischproduzenten? Die Fleischproduktion stürzte ab. Staatliche Eingriffe und ein Ausfuhrverbot ließen die Preise fallen, die Haltung lohnte nicht mehr, die Viehzüchter schlachteten ihre Herden. Auf den Weiden wächst nun Soja, die Tiere stehen im Massenstall, die viel gerühmte Qualität ist dahin. Was für ein Erfolg.

Gibt es kein sozialistisches Land mit Zukunftsperspektive?

Wir sehen: Den Sozialismus in seinem Lauf halten weltweit die Sozialisten auf. Aber gibt es denn kein Land unter linker Flagge, von dem Zukunftsfreude ausgeht? China und Vietnam, auf alt-sozialistische Art von kommunistischen Parteien mit Machtmonopol regiert, haben Millionen ihrer Bürger aus der Armut geholt und bieten durchaus Perspektiven für sozialen Aufstieg. Doch dem linken Ideal einer menschlichen, solidarischen, gerechten Gesellschaft stehen sie fern.

Die westliche Linke erlebt die Folgen dieser Selbstdiskreditierung, tut aber blind. An dem kleinen Berliner Beispiel des Stadtsoziologen und Kurzzeit-Staatssekretärs Andrej Holm lässt sich erkennen, wie nah die Ideen und Praktiken des aktuell existierenden Sozialismus liegen. Holm lobte die partizipative Demokratie in Venezuela, zu der die erwähnten Colectivos gehören, und den Abschied von der repräsentativen Demokratie. Er erblickte im Chávez-Modell Chancen zur Demokratisierung der Stadtentwicklung.

Nach dem Willen der Linken sollte der Mann die Berliner Wohnungspolitik umbauen. Das verhinderte – was für eine Pointe – seine Stasi-Vergangenheit. Holms Methoden finden dennoch Anwendung. „Mieten runter“ heißt eine Linken-Wahlparole, zu erfüllen durch dirigistische Eingriffe statt massiven Wohnungsbau, um den miettreibenden Mangel zu beheben. Doch die Mietpreisbremse scheitert an der Realität und die Fremdnutzungsverbote können nur durch nachbarschaftliche Denunziation kontrolliert werden.

Die Freunde des Sozialismus verwerfen weder das Venezuela-, noch das Kuba-Modell, die in der UdSSR, der DDR, Nordkorea oder Kambodscha erlebten Varianten nur halbherzig. An der „guten Idee“ halten sie fest. Der Linken-Parteitag von Hannover erklärte sich solidarisch mit der Chávez-Revolution. Doch so stark das Bedürfnis nach weniger scharfer Spaltung zwischen Reich und Arm, nach mehr Fairness und weniger Ausbeutung sein mag – man weiß es doch: Mit den real existierenden Sozialisten/Linken kommt eine solche Zukunft bestimmt nicht.