Haben Sie schon mal nachgeschaut, wie in Berlin das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls gefeiert werden soll? Welche Veranstaltungen die Stadt in diesem besonderen Jahr 2019 im Programm hat? Machen Sie das doch mal, schauen Sie im Netz nach. Dann stoßen Sie schnell auf: „30 Jahre Mauerfall – Die große Feier live in der Mercedes-Benz- Arena.“ Wird bei den Berliner Tourismuswerbern übrigens als Topveranstaltung für Besucher aus aller Welt ausgepreist. Und wer feiert da auf der Bühne die Revolution in Ostdeutschland? Es sind: Dieter Bohlen, Jürgen Drews, Roberto Blanco. Immerhin, moderiert wird das Ganze von Inka Bause.

Sie haben sich das trotzdem nicht so vorgestellt? Ich auch nicht.

Gut, es gibt auch andere Veranstaltungen zum Jubiläum: Ausstellungen, Gedenkmomente und Symposien. Aber dass eine der größten Berliner Partys zum Mauerfall von westdeutschen Schlagerdinosauriern gefeiert wird, sollte uns darüber nachdenken lassen, wie man noch ein wenig anders zusteuern kann auf das Jubiläum im November. Ein paar Monate sind es ja noch, bis die Mauer wieder fällt. Und Dieter Bohlen kommt.

Drei kurze Jahrzehnte

Am Ende ist es auch nicht so wichtig, ob Bohlen oder die Puhdys, die Berliner Philharmoniker oder der Moskauer Staatszirkus den Mauerfall in Berlin feiern. Wichtiger ist, wie die Berliner sich die Feier vorstellen. Und noch wichtiger als das Feiern ist: wie die Berliner alltäglich mit dem Erbe der geteilten Stadt umgehen. Dass dies immer noch schwierig ist, hat das Jahr 2018 gezeigt. Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall gab es einen erbitterten Streit um die Stasi-Gedenkstätte. Jenseits der Vorwürfe gegen einen der Leiter der Gedenkstätte wurde ideologisch über das Erbe der DDR diskutiert. Als sei die Mauer nicht vor dreißig, sondern vor drei Jahren gefallen. Drei kurze Jahrzehnte liegen hinter uns.

So viele ungeklärte Fragen gibt es, immer noch. Auch die Idee durch Berlin wieder eine Mauer zu ziehen, als Kunstprojekt mit Namen Dau, fand im vergangenen Jahr nicht allzu viele leidenschaftliche Unterstützer. Obwohl das Projekt hätte zeigen können, wie viel Freiheit wir heute haben. Die Mauer aber ist wohl drei Jahrzehnte nach ihrem Fall immer noch zu sehr schmerzende Erinnerung, als dass sie befreiende Kunst sein könnte. Im alten Staatsratsgebäude am Schlossplatz, wo heute eine Management-Hochschule ihren Sitz hat, ist in einem Hörsaal noch das alte DDR-Staatsemblem zu sehen. Aber man kann es mit einem Vorhang verdecken. Studenten aus Familien, die in der DDR verfolgt wurden, hätten sich an dem Wandschmuck gestört, hört man. Gut möglich, so schnell vergeht Geschichte nicht.

Wirklich nicht? In einem anderen Sinn, mit anderem Vorzeichen schon. Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, verstehen bis heute nicht, warum viele Dinge, die ihr Leben ausmachten, von einem auf den anderen Tag hinweggewischt wurden. Sicher, das DDR-Schulsystem war Teil der Ideologie, aber war die Art und Weise, wie man im Osten Lesen lernte, denn auch falsch? Sicher, die Arbeitswelt war Teil des Staats, aber war deshalb jedes Fachwissen über Metallverarbeitung und die frühe Digitalisierung falsch, nur weil sie in Dresden und nicht in Düsseldorf angewandt wurde? Städteplaner gab es gute im Osten, Architekten, die funktionierende Stadtviertel schufen. Bald waren sie arbeitslos.

Uns gegenseitig besser zuhören

Heute gibt es manchmal eine Rückbesinnung darauf, dass vieles, was Ostdeutsche wussten und arbeiteten, der gesamtdeutschen Republik gutgetan hätte. Die Berliner Zeitung hat im Jahr 2018 in einer großen Serie über die Frage nachgedacht, was wir heute noch von den Erfahrungen der Ostdeutschen lernen können. Viele Ost- und West-Berliner Leser haben darüber in Leserbriefen, in den sozialen Netzwerken und auch in persönlichen Gesprächen mit uns diskutiert. Und ein Satz, so erwartbar er klingen mag, der fiel oft: Wir hätten uns besser zuhören sollen.

Vielleicht können wir daran ja nicht erst im November jubiläumsrituell denken, sondern schon im Januar diese Debatte neu beginnen: und uns zuhören. Wenn wir das schaffen, dann schaffen wir auch Dieter Bohlen zum Mauerfall-Jubiläum.