Politikverdrossenheit, das war eines der großen Schlagworte der letzten Jahre. Enttäuschte Bürger, sinkende Wahlbeteiligung, Rückzug ins Private – die Leute hatten  kaum noch Lust auf Politik. Das hat sich geändert. Man mag es manchmal auch unappetitlich finden, aber seit einiger Zeit engagieren sich wieder mehr Menschen für das öffentliche Geschehen.

Die Wutbürger gegen Stuttgart 21 waren so etwas wie der Ursprung dieser Bewegung, zu deren dunkler Seite  Pegida zählt. Aber wir sehen auch wieder steigende Wählerzahlen und  wachsendes Interesse an gesellschaftspolitischen Diskursen, es wird gestritten und gepostet, protestiert und demonstriert wie lange nicht.

Den Ehrgeiz verloren

Doch nun gibt es ein neues Phänomen, nennen wir es Politikerverdrossenheit. Damit ist nicht gemeint, dass Bürger über ihre Politiker verdrossen sind. Das ist gewiss oft auch der Fall und an sich nicht besonders originell. Neu und  kurios aber ist, dass inzwischen ausgerechnet Politiker keine  Lust mehr auf Politik zu haben scheinen.

Dass sie ihren Ehrgeiz verloren haben, an die Spitze zu streben, die wichtigsten Ämter zu übernehmen. Dass sie zaudern und zagen.   Angefangen bei Angela Merkel. Fast alle in ihrer Partei und sehr viele Bürger wollen, dass sie auch nach der Bundestagswahl 2017 Kanzlerin bleibt.

Warum erklärt sie also nicht, dass sie wieder antritt? Oder Sigmar Gabriel. Er könnte den Sozialdemokraten das Trauerspiel um die K-Frage ersparen, indem er sagt: Jawoll, ich bin der Chef,  ich mach es! Oder eben: Nö, danke, der Martin Schulz kann das viel besser.

Wer interessiert sich für Seehofer?

Oder das Amt des Bundespräsidenten, das will ja auch keiner so recht haben. Margot Käßmann hat es immerhin offen gesagt. Norbert Lammert, wenn man seinen angekündigten Rückzug aus der Politik richtig versteht, ebenfalls. Er hat nicht einmal mehr Lust, das  Amt des Bundestagspräsidenten, das er so fabelhaft meistert, weiterzuführen. Was sind das nur für Signale? Was sollen wir Bürger davon halten? Ihr wollt uns nicht mehr regieren?

Natürlich geht es dabei  nicht nur um persönliche Befindlichkeiten. Es spielen Strategie und Taktik eine Rolle, der ganze Budenzauber der Parteipolitik, der mit zur Politikverdrossenheit geführt hat. Da wird getrickst und getäuscht, geschaut, ob einer zu früh oder eine andere zu spät zuckt. Es ist in vieler Hinsicht ein Insiderspiel, dem die Öffentlichkeit nur noch mit erlahmter Aufmerksamkeit folgt, da können sich die Medien noch so viel Mühe geben.

Oder interessiert es außerhalb Bayerns wirklich jemanden ernsthaft, ob Horst Seehofer nun irgendwann das eine oder das andere oder gar kein Amt aufgibt, ob er damit mehr die Merkel oder mehr den Söder ärgern will?

Kein ernsthafter Herausforderer

Das ist eine Art von Politikvorstellung, die niemanden begeistert, aber viele abschreckt. Sicher, um in einer komplizierter gewordenen Parteienlandschaft Mehrheiten zu bilden, erfordert es auch Strategie und Taktik und bestimmte Absprachen. Aber das darf nicht alles sein.

Den Reiz der Demokratie macht doch nicht die Kungelei aus. Der Reiz der Demokratie liegt im Wettstreit, im offenen Schlagabtausch, in Abstimmungen und Wahlen, deren Ausgang nicht schon vorher im Präsidium von wem auch immer festgelegt worden ist.

Konkret gesprochen: Angela Merkel hat das Pech, dass es in ihrer Partei weit und breit keinen ernsthaften Herausforderer für sie gibt. Aber egal, sie sollte jetzt sagen, dass sie wieder antritt. Dann können ihre Kritiker sich was trauen und dagegen argumentieren, und vielleicht findet sich ja doch jemand, der es gegen sie probiert.

Mehr Mut und weniger Gemauschel

Bei der SPD ist es ganz einfach. Gabriel und Schulz sollten sich beide um die Kanzlerkandidatur bewerben und darüber mindestens einen Parteitag, besser die Mitglieder und noch besser alle Interessierten abstimmen lassen. Eine offene Vorwahlkampagne brächte der Partei den Schwung, den sie schon lange verloren hat.

Und warum darf es über den Bundespräsidenten keine offene Abstimmung im dritten Wahlgang geben, eine echte Entscheidung zwischen zwei gleichermaßen überzeugenden Bewerbern? Gustav Heinemann, ein Glücksfall für die Republik, ist so 1969 Staatsoberhaupt geworden.

Und wenn die Linke bei der Wahl zwischen zwei Antikommunisten den klügeren statt keinen gewählt hätte, wäre Joachim Gauck, noch ein Glücksfall, schon 2010 Bundespräsident geworden und hätte spielend zwei Amtszeiten bewältigt. Also: Weniger Gemauschel und Getrickse, mehr Offenheit, mehr Mut zum Risiko, und schon macht die Demokratie wieder allen mehr Spaß. Sicher sogar den Politikern.