Was es denn zu feiern gäbe, fragte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow kürzlich. Staatlicherseits plane man keine Veranstaltungen zum 7. November. Russlands Führung drückt sich um den 100. Jahrestag der Revolution, ein Großteil der Öffentlichkeit auch.

Statt über Lenin oder Trotzki diskutierte man lieber monatelang über „Mathilda“, den Skandalfilm um die erste Liebe des letzten Zaren. Russisch-orthodoxe Eiferer wollten „Mathilda“ als Beleidigung des von ihrer Kirche heiliggesprochenen Monarchen verbieten.

Der Film erwies sich als arg geschönte Hymne auf Nikolai II.: Zwar taumelt der Thronfolger lang und heftig zwischen der Ballerina Mathilda und seiner Pflicht hin und her. Aber als er am Ende doch die Krone auf dem Kopf hat, entpuppt er sich als vorbildlicher Landesvater...

Zaren oder Selbstherrscher, wie sie in ihrer Zeit auch genannt wurden, sind große Mode in Russland. Mal schlägt der national-populistische Altparlamentarier Wladimir Schirinowski die Rückkehr zur Monarchie vor, mal der korruptionsumwitterte Krim-Gouverneur Sergei Aksjonow.

„Jeder Russe ist in seiner Seele Monarchist“

Beobachter in Moskau glauben, der zynische Teil der Beamtenschaft spekuliere darauf, dass man unter einem neuen Zaren ebenso unabsetzbar werde wie dieser. Und als neuer Adel auch den Anspruch verbriefen könne, seine Pfründe an die eigenen Söhne weiterzugeben. Solcherlei Erbfolgerecht ist bei Rosneft, Gazprom und anderen Staatskonzernen informell schon gang und gäbe.

„Jeder Russe ist in seiner Seele Monarchist“, versichert ein weiterer national-populistischer Parlamentarier nicht zu Unrecht. Zwar geht nach der russischen Verfassung die Macht im Staat vom Volk aus. Aber in Russland ist das eine papierene Wahrheit, die keiner recht ernst nehmen will, auch das Volk nicht.

Politik als Recht, aber auch als Pflicht, mitzuentscheiden, gilt sehr vielen Bürgern als überflüssig bis ungehörig. Und Wahlen bestenfalls als notwendiges Übel. Russland sehnt sich nach Stabilität, nicht nach Freiheit. Zwar versichern Soziologen des halbwegs liberalen Lewada-Meinungsforschungsinstituts, weniger als 10 Prozent der Bürger seien für die Monarchie als Regierungsform.

Aber laut Lewada stehen 82 Prozent der Russen hinter Wladimir Putin, während 51 Prozent von ihnen mit der Regierung und 57 Prozent mit der Staatsduma unzufrieden sind. Unser Zar ist gut – unsere Bojaren aber schlecht, eine traditionell russische und ziemlich monarchistische Denkweise. Man könnte es auch Gesinnungszarismus nennen.

Putin hat seinen Regierungsstil gewandelt

Bei einer anderen Lewada-Umfrage erklärten sich 18 Prozent der Russen prompt bereit, für einen fiktiven Nachfolger zu stimmen, der aber angeblich Wladimir Putins Unterstützung hatte. Es gilt als selbstverständlich, dass Putin die nächsten Wahlen gewinnt, aber auch, dass jeder Thronfolger mit seinem Segen die übernächsten Wahlen gewinnen wird.

Schon gibt es Spekulationen, 2024 könnte eine der zwei Putin-Töchter kandidieren. Sie wäre Russlands erste Präsidentin, aber nach zwei Katherinen, einer Anna und einer Elisabeth keineswegs die erste Selbstherrscherin. Putin selbst hat seinen Regierungsstil nach Ansicht von Politologen schon gewandelt.

In seinen ersten Regierungsjahren fällte er seine Entscheidungen in der Regel in Zusammenarbeit mit den wichtigsten Ministern, Sicherheitsbeamten und Staatskonzerndirektoren. Inzwischen aber hat der Präsident außer diesem postsowjetischen „Politbüro“ einen regelrechten Hofstaat versammelt: Sein mutmaßlicher Beichtvater, seine Leibwächter oder ein Petersburger Restaurantbesitzer, der als sein Koch gehandelt wird, sollen immer spürbareren Einfluss auf die russische Politik nehmen.

„Nieder mit dem Zaren!“ 

Der Petersburger Politikwissenschaftler Grigori Golossow bezeichnet Putins Regiment als persönliche Diktatur. In gewissem Sinn müsse man bedauern, dass Putin kein Zar ist. Weil auch der absolute Monarch im vorrevolutionären Russland in seiner Macht durch zahlreiche Institutionen oder Traditionen eingeschränkt gewesen sei.

Allerdings hat all das entschlossene Selbstherrscher wie Iwan IV. oder Peter I. nicht gehindert, eine eigene Schreckensherrschaft zu installieren, oder das ganze Reich auf den Kopf zu stellen. Und Wladimir Putin wird oft mit Nikolai I. verglichen, vorletztes Jahrhundert berühmt für seine aggressive Außenpolitik und reaktionäre Innenpolitik.

Auf den Kundgebungen der oppositionellen Minderheit aber werden die ersten Sprechchöre laut: „Nieder mit dem Zaren!“