Ende der 70er-Jahre ist das in der bayerischen Provinz noch ein echtes Ereignis. Eine Hausfrau und Mutter von zwei Kindern packt ihre Sachen und verlässt den Ehemann. Das hat in dieser kleinen Stadt in Oberfranken noch keine gewagt. Es ist für Wochen Gesprächsthema unter den Leuten, vermutlich auch, weil sonst nicht so viel passiert.

Der Tenor ist eindeutig: Was ist nur in diese Frau gefahren, dass sie sich so egoistisch verhält? Der arme Mann! Vor allem aber: Die armen Kinder!

Getuschel, Nachfragen, finanzielle Not

Die Frau verliert auf einen Schlag ihren gesamten Freundeskreis, alles verheiratete Paare, die sie und ihren nunmehr Ex-Mann kennen. Sie ist verunsichert, lässt sich aber nach außen nichts anmerken. Nie. Weil die Kinder noch zur Schule gehen und sie sie nicht aus dem gewohnten Umfeld reißen will, zieht sie nur wenige Kilometer weiter in die Nachbarschaft.

Aus dem Getuschel werden im Laufe der Zeit Nachfragen anderer verheirateter Mütter, wie das denn so laufe. Sie erklärt, dass alles gut ging, es finanziell aber schwierig ist. Es dauert Jahre, bevor die nächste Kleinstädterin den Schritt wagt.

27,6 Prozent alleinerziehende Frauen in Berlin

So erging es alleinerziehenden Frauen im 20. Jahrhundert.
Was damals als exotischer Einzelfall für Aufsehen sorgte, ist heute kein Aufhebens mehr wert. Die Zahl der Alleinerziehenden, auch heute meist noch Frauen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig erhöht.

In Berlin machen sie mit 27,6 Prozent fast ein Drittel der Eltern aus. Auch im Süden der Republik sind sie mit 15,16 Prozent keine kleine Minderheit mehr. Gesellschaftliche Ächtung muss man dort auch in ländlichen Gemeinden nicht mehr fürchten.

Die Bilanz muss stimmen

Das ist natürlich sehr schön für die Betroffenen. Leider scheint es, als sei die Zeit in anderer Hinsicht nahezu stehengeblieben: Wer seine Kinder allein großzieht, muss nach wie vor damit rechnen, in finanzielle Not zu geraten. Zwar hat die gute Wirtschaftslage dazu geführt, dass der Anteil armutsgefährdeter Haushalte von Alleinerziehenden gesunken ist, dennoch gibt es viele, die nur schwer über die Runden kommen.

Zum Beispiel die selbstständige Kosmetikerin aus Steglitz. Der kleine Laden brummt, aber die meisten Einnahmen gehen für die ständig steigende Miete drauf. In diesen Sommerferien ist sie trotzdem für zwei Wochen mit den beiden Kindern in den Urlaub gefahren – und muss nun bis zum Jahresende die Öffnungszeiten ausweiten, um den Verdienstausfall auszugleichen. Der Steuerberater empfing sie mit einem Rüffel, weil sie das Geschäftskonto überzogen hat. Kinder hin oder her, die Bilanz muss stimmen.

Vom „Grundsatz der Eigenverantwortung“

So ergeht es alleinerziehenden Frauen im 21. Jahrhundert.
Den scheelen Blick der Nachbarn gibt es schon lange nicht mehr, den bangen Blick aufs Konto schon. Das liegt auch an dem Unterhaltsrecht, das seit zehn Jahren gilt. Denn bei einer Scheidung etwa ist es juristisch nicht mehr vorgesehen, dass die Frau keinen Job findet.

Mit der Reform von 2008 wurden die Unterhaltszahlungen für die Ex-Frauen im Prinzip abgeschafft. Die Richter waren der Meinung, dass einer Frau eine Vollzeittätigkeit zugemutet werden kann, sobald ihr Kind drei Jahre alt ist.

In diesem Zusammenhang war damals viel vom „Grundsatz der Eigenverantwortung“ die Rede, als ob man die etwas träge Ehefrau mahnen müsste, dass sie ihrem Ex-Ehemann nicht auf der Tasche liegen dürfe. Die Familienrichter waren damals ihrer Zeit weit voraus – den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gab es zwar schon, die dafür notwendigen Betreuungsplätze allerdings nicht.

Heute ist die Situation natürlich besser, doch die Zahl der Plätze ist so mangelhaft wie die Öffnungszeiten. Die Grundschulkinder der Steglitzer Kosmetikerin sind daher schon jetzt sehr selbstständig und machen sich ihr Abendessen auch mal selbst.

In den 70er-Jahren nannte man solche Kinder Schlüsselkinder. Weil sie nach der Schule alleine nach Hause gingen und alleine Hausaufgaben machten. Es gab sogar Fernsehdokumentationen darüber, die die Tristesse betonten und den Müttern ein schlechtes Gewissen machten. Meine Schwester und ich fanden es dennoch meistens toll. Und es hat uns stark gemacht.