Der Andrang im Kulturzentrum Sebastian Haffner war enorm. „Unglaublich“, sagte ein Mann, als er die Menschen am Freitagabend zur Podiumsdiskussion über den Fall Andrej Holm in das altehrwürdige Gebäude an der Prenzlauer Allee stürmen sah. Viele Besucher kamen in den Saal nämlich gar nicht mehr hinein. Sie mussten umkehren, derart voll war’s. Das belegte erneut, dass dieser Stasi-Fall so viel öffentliches Interesse erregt wie kein anderer in den vergangenen Jahren. Inhaltlich hingegen hat der Abend wenig Neues erbracht.

Holm kann für sich beanspruchen, ein junger Kerl gewesen zu sein, als er sich mit 14 zum Dienst beim Ministerium für Staatssicherheit verpflichtete und ihn mit 19 antrat – noch dazu als Sprössling eines Stasi-Offiziers. Mit 18 sei man erwachsen, sagte Moderatorin Ulrike Bieritz. Da rief ein Mann aus dem Publikum mit einem gewissen Recht: „Erzähl Du doch mal, was Du mit 18 gemacht hast!“ Auch räumte Holm unumwunden ein: „Ich bin Teil eines Repressions- und Unterdrückungsapparats geworden.“ Und bat bei den SED-Opfern um Verständnis.

Als es um die Frage ging, warum er gegenüber der Humboldt-Universität im Jahr 2005 seine hauptamtliche Tätigkeit für die Stasi verschwieg, zog sich der 46-jährige Baustaatssekretär aus nachvollziehbaren, aber gewiss nicht überzeugenden Gründen hingegen auf die laufende arbeitsrechtliche Auseinandersetzung zurück. Überhaupt sagte er den ebenso kuriosen wie erhellenden Satz: „Dass Erinnerung selektiv ist, das nehme ich gerne an.“ Die Betonung liegt offenbar auf „gerne“.

Auseinandersetzung über den Fall Holm ist noch nicht beendet

Der Forscher Ilko-Sascha Kowalczuk von der Stasi-Unterlagenbehörde betonte, er könne nicht glauben, dass Holm von seiner hauptamtlichen Funktion nichts gewusst habe. Auch müsse dieser damit leben, nun eine öffentliche Person zu sein, der öffentliche Fragen gestellt würden. Niemand habe ihn gezwungen, sein neues Amt anzutreten. Freilich wären ein Rückzug Holms oder dessen Entlassung „unschön, weil sich dann wieder das Undifferenzierte durchsetzen würde“, fuhr Kowalczuk fort.

Gemeint war: das Undifferenzierte in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Sein Chef Roland Jahn hatte den von der Linken nominierten Staatssekretär zuletzt viel heftiger attackiert.

Die Auseinandersetzung über den Fall Holm ist im Ganzen noch nicht beendet. Als nächstes muss er gegenüber der Humboldt-Universität zu seiner Falschauskunft von 2005 Stellung beziehen. Was aus deren Reaktion politisch folgt, ist einstweilen ungewiss. Die Diskussion hat aber eines gezeigt – wie virulent die DDR-Vergangenheit auch über 27 Jahre nach dem Mauerfall noch sein kann. Einen vergleichbaren Ansturm wird das Kulturzentrum Sebastian Haffner so rasch nicht mehr erleben.