Nicht immer bin ich mit der Bundeskanzlerin einverstanden. Im Fall Syrien und Russland erscheint mir ihr Handeln zu starr; die Altersbezüge steigen zum Nachteil der Jüngeren viel zu stark. Zudem ist Merkel an der Dieselkrise mitschuldig, weil sie jahrelang in Berlin und Brüssel laxe Regeln und Kontrollen durchgedrückt hat. Die Autobosse nutzten das in krimineller Weise aus.

Dennoch gilt: Angela Merkel hat im vergangenen Jahr unter widrigsten Umständen und mit extrem schwierigen Partnern sehr viel für das Wohl des Landes geleistet. Ich möchte nicht ständig mit Trump, Seehofer, Putin, Orban, Söder oder Poroschenko zu tun haben, ebenso wenig mit dem Berliner US-Botschafter, den Präsidenten Polens oder der Türkei, der neuen Rechts-Links-Regierung Italiens, den Verwicklungen in Brüssel und dem von den USA angezettelten Handelskrieg. Dass die Kanzlerin in dieser Lage Tag für Tag und an vielen sehr langen Abenden ihre Pflicht erfüllt, verdient Respekt und Dank.

Auf die Sprache achten

Wer sonst hätte das Land durch die innen- und außenpolitisch komplizierten Zeiten ruhig und geduldig steuern sollen? Nach dem Wahlkampf im vergangenen Sommer, gefolgt von langwierigen Koalitionsverhandlungen, die in letzter Sekunde von der übergeschnappten FDP gesprengt wurden, hat Merkel aus dem Wählerauftrag das gemacht, was möglich und dann notwendig war – sie zimmerte die jetzige Regierungskoalition. Anders als das selbstverliebte, noch ziemlich unreife Nachwuchsquartettchen Jens Spahn, Heiko Maas, Christian Lindner und Alexander Dobrindt ist Angela Merkel die erste Dienerin unseres Staates. Ich wünsche ihr erholsame und ungestörte Ferien.

Auf ihrer Jahrespressekonferenz gab sie wieder ihre stets ruhigen und höflichen Antworten. An die Adresse der CSU-Sprachrüpel gewandt, sagte sie, ohne Namen zu nennen: „Zwischen Denken, Sprechen und Handeln gibt es einen ziemlich engen Zusammenhang.“ Indirekt forderte sie Trump, Söder und Seehofer auf, mehr „auf die Sprache zu achten“, um „den Prozess der Verwahrlosung im Zaum zu halten“.

Das gilt übrigens auch für manche Leserbriefschreiber und besonders für gewisse AfD-Anführer. Aber dann wurde Merkel, die das Wort „basta“ noch nie in den Mund genommen hat, im Hinblick auf die präpotente CSU-Burschenschaft doch sehr deutlich: „Minister kann nur jemand sein, der diese Richtlinienkompetenz (der Bundeskanzlerin) dann auch akzeptiert. Dafür gibt es eine Geschäftsordnung der Bundesregierung.“

Unaufgeregte Zeiten sind die glücklichsten Zeiten

Zu den zunehmend konfrontativen Formen der Politik meinte sie gedämpft: „Der uns gewohnte Ordnungsrahmen steht stark unter Druck.“ Auf die Frage, was sie zu Trump sage, der die EU als „Feind“ bezeichnet hat, entgegnete sie: „Nicht meine Wortwahl“ und „Ich habe da einen anderen Ansatz“. Zum Treffen Putin-Trump bemerkte sie: „Ich freue mich immer, wenn gesprochen wird.“

Manche behaupten, der Kanzlerin fehle es an Charisma, und sie neige zu langweiligen Sätzen. Als Historiker wende ich ein: Über scheinbar langweilige Geschichtsepochen wird hinterher am wenigsten geschrieben und gestritten – aber für die jeweils lebenden Menschen sind diese unaufgeregten Zeiten die glücklichsten. Angela Merkel bereitete es im Stillen schon immer Freude, das gegen männliche Dickköpfe durchzusetzen, was sie politisch für richtig hält. Am Vortag ihres Urlaubs teilte sie in aller Gelassenheit mit: „Wir leben ja auch in spannenden Zeiten. Das finde ich faszinierend.“