Endlich ist es soweit, könnte man sagen. Eine linke Bewegung ruft allen aufrechten Demokraten zu, sie mögen „Aufstehen“. Sofort klingt einem der Songtext der niederländischen Band Bots im Ohr. Die Älteren werden sich erinnern: „Alle, die nicht schweigen, auch nicht, wenn sich Knüppel zeigen, sollen aufstehn. Die zu ihrer Freiheit auch die Freiheit ihres Nachbarn brauchen, sollen aufstehn. Alle, für die Nehmen schön wie Geben ist und Geld verdienen nicht das ganze Leben ist, die von ihrer Schwäche sprechen und sich keinen dabei abbrechen, sollen aufstehn.“ Wer möchte nicht dabei sein, wenn die Guten den Hintern hochkriegen?

Leider ist es aber nicht so, dass sich hier, sagen wir, Künstler, Studenten, Rentner, Sozialarbeiter, Bäckereifachverkäuferinnen und Lehrerinnen mehr oder weniger spontan zu einem Aktionsbündnis zusammengefunden haben, weil sie alle dem Hass und der Hetze, die sich ja nicht erst in den vergangenen Tagen zeigten, etwas entgegensetzen wollten. Das Bündnis „Aufstehen“ ist ein Zusammenschluss von Berufspolitikerinnen und Berufspolitikern, das sich professionell in Szene setzt. Das seinen Namen mit eben dieser Professionalität bewusst gewählt und erst einmal eine Webseite aufgesetzt hat, bevor man am Dienstag mit einer Pressekonferenz offiziell den Startschuss gab.

Erlebt Deutschland eine „handfeste Krise der Demokratie“ ?

Nun könnte man einwenden, dass das Anliegen einer linken Sammlungsbewegung nicht weniger berechtigt sein muss, wenn sie von Mandatsträgern ins Leben gerufen wird. Initiatorin Sahra Wagenknecht ist langjährige Spitzenpolitikerin der Linken und schon seit mehreren Legislaturperioden im Bundestag. Ihr Mitstreiter Ludger Volmer war einst Mitglied der rot-grünen Bundesregierung. Die SPD-Politikerin Simone Lange ist Oberbürgermeisterin in Flensburg und hat bundesweit kurzzeitig von sich reden gemacht, als sie gegen Andrea Nahles um den Parteivorsitz kandidierte und unterlag. Sie alle hatten oder haben ihre Möglichkeiten, um etwas zu verändern in diesem Land. Was wollen sie nun mit der Sammlungsbewegung erreichen, was sie mit all ihrem bisherigen Einfluss und ihrer Prominenz nicht geschafft haben? Vor allem, wenn alle gleichzeitig ihr bisheriges Amt oder Mandat behalten möchten. Das hat etwas von überholen ohne einzuholen.

Sahra Wagenknecht spricht davon, dass Deutschland eine „handfeste Krise der Demokratie“ erlebt und womöglich in ein paar Jahren nicht wiederzuerkennen sein wird. Simone Lange will das Verbindende über die Parteien hinweg suchen, Ludger Volmer beklagt, dass seine Grünen ihre programmatische Substanz verloren haben. Mal abgesehen davon, dass man hier den gemeinsamen Nenner auch erst suchen muss, stellt sich doch die Frage: Vielleicht seid ihr, die ihr uns jetzt die Lösung bringen wollt, sogar ein Teil des eigentlichen Problems? Schließlich sind zumindest die Hauptorganisatoren von „Aufstehen“, Sahra Wagenknecht und ihr Ehemann Oskar Lafontaine, nicht gerade für ihre geradlinige und ehrliche Art berühmt. Da darf man schon einige Zweifel an den hehren Absichten hegen.

Lieber erstmal keine Erwartungen haben

Zum dem Bild, dass da vor allem einige Machtpolitiker auf der Suche nach neuen Mehrheiten sind, passt dann auch, dass Sahra Wagenknecht keinen Hehl daraus macht, dass sie gerne die Stimmen der rechten Wähler einsammeln möchte. Wie weit wird sie ihnen entgegengehen? Schon jetzt hat man den Eindruck, dass sie aus taktischen Gründen die Globalisierungsgegner in ihren Ängsten bestätigt, wenn sie gegen die angeblich grenzenlose Aufnahmebereitschaft wettert, die die anderen Parteien angeblich den Migranten und Flüchtlingen entgegenbringen. Linker Populismus aber wird diesem Land genauso schaden wie rechter Populismus.

Vermutlich ist es aber ohnehin am realistischten, erst einmal keine allzu großen Erwartungen zu hegen. Noch ist die Bewegung nicht viel mehr als die dazugehörige Webseite und die Ankündigung ihrer Protagonisten. Während wir auf frischen Wind warten, hören wir einfach noch ein bisschen Bots. Wer ein besseres Leben will, muss schon selber aufstehen.