Kaum eine Stadt zelebriert ihre Hypes so wie Berlin. Kaum eine, in der so viel über Restaurant-Trends, Club-Neueröffnungen und Bar-Geheimtipps gesprochen wird. Über in und out, kommen und gehen, over oder doch nicht. Berlin ist eine Stadt der Mundpropaganda. Das passt zu diesem Ort, der das Unfertige, das Flatterhafte, das Provisorische preist. Würde man dem jungen Leben in Berlin ein Denkmal setzen, es wäre aus bunten Holzbrettern zusammengezimmert.

Das gute an der Hype-Hochburg Berlin ist, dass jeder mitmischen kann. Dass es kein Millionen-Startkapital braucht, um Großes zu schaffen, ein paar Bretter und Boxen können reichen. Die Kehrseite ist, dass jeder Hype bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht wird. Dass erfolgreiche Bretterbuden irgendwann Türsteher, Öffnungszeiten und gegen Abnutzung laminierte Getränkekarten brauchen. Und die Nachahmer kommen.

Das Do-it-yourself-Prinzip hat in Berlin Tradition. Legendäre Clubs wie die Bar 25 oder das Kiki Blofeld setzten Anfang der 2000er-Jahre Maßstäbe mit Holz-Schuppen, verwunschenen Rasenhügeln und Kronleuchtern in den Bäumen. Orte, die Persönlichkeit und Herz hatten, weil viele Hände daran mitwirkten. Unverputzt, selbst gebastelt, graffitibemalt, nah am Wasser. Und irgendwie nie ganz fertig, schiefe Planken inklusive.

Heute, über zehn Jahre später, hat auf dem RAW-Gelände ein Ort eröffnet, der auf den ersten Blick so wirkt, als hätte er sich genau das zum Vorbild genommen. Nur, dass er sich "Urban Pool & Sundeck Garden Lounge Bar" nennt. Der Haubentaucher.

Abgesehen vom Design hat der Haubentaucher nicht viel mit den Clubs von damals gemeinsam. An warmen Sommertagen tummeln sich dort 18-Jährige, die vom Stadtrand mit Papas Audi anreisen und ihn inmitten der Scherben direkt auf der RAW-Gelände parken. Ein Mojito kostet hier 8,50 Euro. Jeden Donnerstag findet "Open Sky Yoga" statt, zur Eröffnung gab es Whirlpool-Kino, zur Fashion Week laufen Models.

Umkleidekabinen, um sich Badekleidung für den Pool anzuziehen, sucht man vergebens. Aber es scheint an diesem Pool sowieso nicht ums Schwimmen zu gehen, eher ums lässig am Rand sitzen. Hatte der Besitzer des Haubentauchers kurz vor der Eröffnung im April noch gesagt, man wolle keinen Türsteher mit Gesichtskontrolle, stehen dort heute zwei Männer, die Mädchen nach ihrem Alter fragen und sie bitten, die Sonnenbrillen abzunehmen, um die Altersangaben zu verifizieren.

Hype bringt Geld

Der Haubentaucher legt sich im Design die Berlin-Schablone der unfertigen Charakterorte auf. Aber es fehlt der Inhalt, das Herz. Die "Urban Pool & Sundeck Garden Lounge Bar" ist völlig charakterlos. Hippe Schale, nichts dahinter.

Schlimmer noch: Es scheint, als setzten die Macher bewusst auf die Schablone, um Erfolg zu haben. Um einer dieser gehypten Läden zu werden. Denn ein Hype lässt sich zu Geld machen, niemand zahlt in einem uncoolen Laden 8,50 Euro für einen Cocktail. Also bloß alles unverputzt, graffitibemalt und mit Wasser gestalten - fertig ist der "Berlin-Ort". So verkauft der Haubentaucher die Seele Berlins.

Anderswo sind ähnliche Tendenzen zu erkennen. Im Klunkerkranich bilden sich lange Schlangen, das neue White Trash Fast Food haust nicht mehr im Keller, sondern logiert an der Spree. Nur einige Meter vom Haubentaucher entfernt baumeln in der Neuen Heimat Lichterketten vor unverputzten, graffitibemalten Wänden.

Beim sonntäglichen Street-Food-Markt kaufen Touristen hier überteuerte Peanutbutter-Bacon-Cookies, bei den Morning-Gloryville-Partys tanzen regelmäßig schöne Menschen mit Rote-Beete-Smoothies in der Hand. Wer die Neue Heimat an einem Freitag- oder Samstagabend besucht, zahlt schon einmal fünf Euro Eintritt.

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Auch Olaf Möller, Vorsitzender der Berliner Clubcommission, beobachtet die Entwicklung der Berliner Trendorte genau. "Die Szene professionalisiert sich. Während früher vieles in Eigenregie gemacht wurde, beschäftigen Clubs heute zusätzlich oftmals Architekten", beschreibt er. "Dadurch wirken Clubs manchmal stylischer, weniger verrucht."

Etwas Negatives sieht Möller darin aber nicht, da die Berliner Clublandschaft sich immer noch durch eine große Vielfalt auszeichne. Auch eine Abnutzung des typischen Berlin-Stils kann er nicht erkennen. "Eher zieht sich dieses Raue, Unfertige wie ein roter Faden durch die letzten 15 Jahre unserer Clubgeschichte", so Möller.

Sicher, eine Großstadt wie Berlin braucht nicht nur selbstgezimmerte Low-Budget-Buden. Sie braucht auch Orte für den volleren Geldbeutel. Sie braucht Touristenmagneten, Proletenschuppen und Schlagerhöllen. Sie braucht Vielfalt. Wer allerdings plump mit der Berlin-Schablone einen Hype auslösen will, um damit Profit zu machen, gehört ignoriert.