Es ist der 7. Juli 1976: Die Terroristinnen Inge Viett, Gabriele Rollnick, Monika Berberich und Juliane Plambeck brechen aus dem Frauengefängnis Lehrter Straße. Drei Tage später übernimmt Justizsenator Hermann Oxfort die politische Verantwortung – der FDP-Politiker tritt zurück. Zwei Jahre später erwischt es Parteifreund Jürgen Baumann – RAF-Mann Till Meyer war gewaltsam aus Moabit befreit worden.

Seit diesen terrorgeprägten 70er-Jahren sind immer wieder Häftlinge aus Berlins Gefängnissen entflohen. Aber nun gibt es neun Ausbrüche in fünf Tagen, das ist Rekord. Muss jetzt nicht Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) zurücktreten?

Nein, muss er nicht. Vorgänger wie Gisela von der Aue (SPD) und Thomas Heilmann (CDU) taten dies auch nicht. Es waren eben keine „politischen Gefangenen“ in Zeiten, als der Rechtsstaat herausgefordert wurde, sondern „nur gewöhnliche Kriminelle“ in Zeiten relativer gesellschaftlicher Ruhe.

Dirk Behrendt muss Verantwortung übernehmen

Dirk Behrendts weitere Karriere entscheidet sich also nicht daran, wie viele Gefangene noch ausbrechen werden, sondern daran, ob die rot-rot-grüne Koalition zu ihm steht. So lange nur der notorische SPD-Quälgeist Joschka Langenbrinck sagt, der Rekordausbruch „wäre eigentlich ein Rücktrittsgrund für einen Justizsenator“, hat er wenig zu befürchten.

Trotzdem muss sich Behrendt mehr um die Gefängnisse kümmern. Es reicht eben nicht, den Häftlingen Internetzugang zu ermöglichen. Es braucht auch mehr Personal und mehr technische und bauliche Verbesserungen im Knast.

Warum zum Beispiel sollte nicht auf dem extrem sicheren Gelände der JVA Tegel ein neues Hafthaus gebaut werden, mit dem man andere, weniger gut gesicherte Gefängnisse entlasten würde? Vorgänger Heilmann wollte das, Amtsträger Behrendt stoppte die Pläne. So oder so: Dirk Behrendt muss Verantwortung übernehmen.