Kommentar zu den Krawallen beim G20-Gipfel: Was in Hamburg geschehen ist, geht uns alle an

Wann immer er in diesen Hamburger Tagen und Nächten vor einer Kamera stand, hat er seine Niedergeschlagenheit kaum verbergen können. Olaf Scholz, der Bürgermeister einer getroffenen Stadt, argumentierte professionell, doch wer ihm ins Gesicht sah,der erkannte, wie peinlich ihm das alles war, was in seiner Stadt geschah. Wie schmerzhaft. Scholz hatte vorher gesagt, dass der Gipfel für Hamburg ein Fest werde. Jetzt, da Feuer in den Straßen aufstieg, musste ihm klar sein: das waren törichte Worte.

Und was den Worten folgte, war noch schlimmer: Der Bürgermeister verließ sich auf einen Polizeichef, der sich als harter Hund feiern ließ – vorher. Nun musste Scholz klar sein, dass er Fehler gemacht hatte und von den falschen Leuten umgeben war, auch wenn er die Polizei lobte. Diese Peinlichkeit vor den Staatsgästen in der Elbphilharmonie, wie hatte seine Stadt sie empfangen: Willkommen in der Hölle!

Drei Fragen und drei Antworten

Alles lief schief, und es ist einfach, mit den Fingern auf Scholz zu zeigen. Aber wer Olaf Scholz an diesem Wochenende ohne ein wenig Anteilnahme ins verzweifelt trotzige Gesicht blickte, hat wahrscheinlich ein Gemüt aus Stein. Und nicht verstanden, dass es uns alle angeht, was in Hamburg geschehen ist, nicht nur Scholz. Drei Fragen und drei Antworten dazu, einfach und kompliziert zugleich.

Erstens: Ist es falsch, wenn ein Politiker wie Scholz glaubt, dass es möglich sein muss, einen solchen Gipfel in einer deutschen Großstadt zu veranstalten? Nein, das ist es nicht. Denn wer das behauptet, gibt sich geschlagen, vor denen, die Feuer legen und plündern. Aber es sind unsere Städte, unsere Autos, unsere Geschäfte, nicht die des Schwarzen Blocks.

Zweitens: Haben wir nicht alle gelernt, dass ein Polizeichef, der sich als hart erweist, wenn es gar nicht nötig ist und diese Härte vermissen lässt, wenn der Schwarze Block stundenlang durch das Schanzenviertel zieht, dass solch ein Polizeichef unser Gemeinwesen nicht schützen kann? Das haben wir nun alle verstanden. Wer nicht vermittelt, erreicht nichts, nicht als Polizist, nicht als Politiker, nicht als Bürger.

Drittens: Sollte uns als Deutschen das alles nicht noch viel peinlicher sein, als Scholz es mit seinem Gesicht zeigen konnte? Ja, das sollte es. Denn zu den G20-Staaten, deren Repräsentanten wir mit Hohn und Gewalt empfangen haben, gehören auch Russland und Frankreich, die schon in anderen Zeiten erlebt haben, vor siebzig Jahren, was es bedeutet, wenn junge deutsche Männer in uniformer Kleidung Feuer in den Straßen legen.

Der Schwarze Block, die Pubertätsarmee auf Hamburgs Straßen

Das ist es, was schnell vergessen wird, dass es nicht nur darum geht, ob der Schwarze Block oder die Polizei provoziert hat – der Schwarze Block, die Pubertätsarmee auf Hamburgs Straßen, hat allen Gästen, die ein wenig Erfahrung mit deutscher Vergangenheit haben, eines wieder gezeigt: den hässlichen Deutschen, der sich auf Feuer, Gewalt und Plündern versteht. Der weiß, was es heißt, anderen die Hölle auf Erden zu bereiten, und dafür gar kein Neonazi oder Nazi sein muss. Der mit anderen Gewalttätern aus ganz Europa durch die Straßen zieht. Leute, die rufen: Willkommen in der Hölle – das macht alles so geschichtsvergessen peinlich. Plündern und Brennen gefällt hier also noch manchen, aus welchem Grund auch immer.

Aber wollen wir uns das gefallen lassen, dass diese Leute nicht nur unsere Autos abfackeln und unsere Läden plündern, sondern auch den Feuerschein der Rohheit wieder über diesem Land scheinen lassen – und die friedlichen, die klugen Kapitalismuskritiker, die große vernünftige Mehrheit, gleich mit diskreditieren?

Angela Merkel hat einmal gesagt, dass dies nicht mehr ihr Land sei, wenn es hier nicht möglich ist, Schwachen und Flüchtlingen zu helfen. Jetzt sollten wir uns darüber klar werden, ob das unser Land ist, wo wir keinen G20-Gipfel abhalten können, auch wenn wir vieles falsch finden mögen, was die G20 ausmacht.

Das ist einfach, zu einfach

Ob es unser Land ist, in denen wir Polizeiführern Verantwortung geben, die glauben, dass Härte ein Gut an sich sei.

Ob es unser Land ist, in der Menschen eine Demonstration mit dem Titel „Willkommen in der Hölle“ anmelden dürfen – und damit den Ton setzen.

Ob es unser Land ist, wo der Schwarze Block am Tag nach den Bränden und Plünderungen von den friedlichen Demonstranten in die Mitte genommen wird.

Wenn wir nicht möchten, dass unser Land so ist, sollten wir nicht nur auf desillusionierte Leute wie Olaf Scholz zeigen. Das ist einfach, zu einfach. Denn er hatte sich das Bild eines anderen Deutschlands gewünscht. Und daran war: nichts falsch.