Warum nur schreiten die Grünen von einem Umfrageerfolg zum nächsten? Ganz einfach: Die Wähler sind nicht dumm. Sie bemerken die Erneuerung. Anders als die Einmannshow der FDP präsentieren sich die Grünen in angenehmer Vielfalt. Anders als Die Linke, deren Spitzenrechthaberinnen und -rechthaber das ewig Gleiche herunterklappern, suchen die Grünen nach aktuellen Antworten. Nach dem von der FDP vollzogenen mitternächtlichen Abortus der schwarz-gelb-grünen Koalitionspläne ergriffen sie vor einem halben Jahr ihre Chance: Sie wählten frische Spitzenkräfte, und das ohne die Vorgänger zu demütigen, wie es in der SPD gang und gäbe ist.

Die Neuen – Annalena Baerbock (37) und Robert Habeck (48) – sind hervorragend ausgebildet, leben in bürgerlichen Verhältnissen, sind zufällig so alt wie mein ältester Sohn und meine jüngste Tochter, und haben wie diese Kinder. Im Gegensatz zu Sahra Wagenknecht oder Peter Altmaier wissen sie aus täglicher Anschauung, wie es in deutschen Kindergärten und Schulen zugeht; sie durchleben, wie schwierig es ist, in einer bestimmten Lebensphase Beruf und Familie gleichermaßen gerecht zu werden. Zwar gelten Baerbock und Habeck als „Realos“, aber sie sind alles andere als ein Abklatsch von Winfried Kretschmann.

Ihr Auftreten unterscheidet sich stark vom öffentlichen Bild, das Claudia Roth, Anton Hofreiter oder die Berliner Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann bevorzugen, aber sie würden sich niemals als deren Gegenentwurf präsentieren. Sie stehen für sich, frei davon, sich von irgendjemandem abzugrenzen zu müssen. Sie können reden, sehen sympathisch aus, denken nach und meiden ideologische Verbiesterung. Ihnen gebührt Vertrauensvorschuss.

Das eigene Klientel fordern

Auch wenn das nicht sicher ist, könnte es Robert Habeck und Annalena Baerbock gelingen, liberales Denken in der grünen Partei zu stärken und selbstsüchtiges identitäres Gehabe („Mein Körper – meine Identität – mein Leben“) zurückzudrängen, ebenso die linke Obsession „Alles Gute kommt von oben“, nämlich vom Staat. Jenseits dessen bestätigt sich tagtäglich, wie aktuell die Kerngedanken auch des alten grünen Programms sind: Wir Deutsche verursachen pro Kopf über 30 Prozent mehr Plastikmüll als noch 2005, wir versauen die Welt mit deutlich mehr Plastikmüll pro Person als der durchschnittliche EU-Bürger, trotz der Energiewende bekommen wir die klimaschädlichen Giftstoffe nicht den Griff. Auch die Wählerschaft der Grünen ist daran intensiv beteiligt.

Denn insgesamt gehört sie zu den Besserdienenden, die automatisch erheblich größere ökologische Schäden anrichten als Menschen in bescheidenen Verhältnissen: Sei es mittels Biogemüse aus fernen Ländern, stattlichen Lebensversicherungen, weit überdurchschnittlichen Wohnflächen und Reisefreudigkeit. Aufgabe guter Politik ist es eben auch, die eigene Klientel zu fordern, wenn es darum geht vielschichtige Probleme zu lösen.

Als nächstes treten die Grünen in Bayern zur Wahl an. Dort stehen zwei bodenständige, gut gelaunte und schlagfertige, politisch durchaus erfahrene Landtagsabgeordnete an der Spitze: Katharina Schulze (33) aus Herrsching am Ammersee und der kommunalpolitisch schon langgediente und engagierte Ludwig Hartmann (40) aus Landsberg am Lech. Ich wünsche beiden viel Erfolg gegen allerlei „dunkelbayerische“ Konkurrenz, wie Joachim Gauck sagen würde.