Die nachhaltig durchdringende Erkenntnis nach den jüngsten Ereignissen in London ist, dass terroristisch motivierte Anschläge auf dem besten Weg sind, ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens in Europa zu werden.

Natürlich liegt dieser Erkenntnis auch die Tatsache zu Grunde, dass der zeitliche Abstand derartiger Handlungen auf dem europäischen Kontinent seit den Anschlägen von Paris im November 2015 nahezu kontinuierlich geringer geworden ist. Doch die alltägliche Gewohnheit resultiert nicht allein aus den immer wiederkehrenden Mustern dieser Anschläge, sondern auch aus dem gesellschaftlichen Umgang mit ihnen.

„Gutmenschen“ und „Wutbürger“ 

In der Nacht zum Sonntag schickten diverse Nachrichtenmedien - wie bei jeder akuten Nachrichtenlage - beinah gleichzeitig eine Eilmeldung raus, die über Terroranschläge in London berichten. Im nächsten Moment wurden Live-Blogs initiiert, deren informativer Mehrwert fragwürdig ist, weil sie neben den faktischen Erkenntnissen, die höchstens alle paar Stunden generiert werden können, den Nutzer minütlich mit völlig irrelevanten Mutmaßungen überfluten.

Und noch während Staatsoberhäupter ihr obligatorisch wirkendes Entsetzen öffentlich bekunden und ihren Verbündeten vollste Solidarität und Beistand im Kampf gegen den Terrorismus versprechen, treffen sich im Internet zwei Gruppierungen von Menschen, die sich gegenseitig als „Gutmenschen“ und „Wutbürger“ bezeichnen und analysieren das Geschehnis streng nach ihrer Weltanschauung. Dass das in eine digitalen Schlammschlacht ausartet, ist vorprogrammiert.

Aus dem Terror wird Wahlkampf

Mittlerweile scheint es, als geht es hier kaum noch jemandem darum, eine gut einstudierte und kaum nachhaltige Mitleidsbekundung abzugeben, sondern vor allem darum Andersdenkende zu beleidigen. Denn während sich Terroristen die Digitalisierung und zunehmende Geschwindigkeit des Alltags zu Nutze machen, scheint der inhaltliche Konstruktivismus des durchschnittlichen Nutzers von sozialen Netzwerken massiv darunter zu leiden.

Ein paar Minuten später hat sich auch die politische Opposition geäußert und nutzt die Situation, um das Ereignis für ihren Wahlkampf zu instrumentalisieren. Das rechte Lager fordert die Schließung der Grenzen, verdächtigt alle Muslime extremistische Islamisten zu sein und tadelt die jeweilige Regierung. Das linke Lager macht es genauso, nur eben mit Argumenten wie der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit und übt Kritik an Waffenexporten in Länder im mittleren Osten.

Routinierte Verhaltensmuster 

Egal ob ein Fahrzeug in eine Menschenmenge fährt, eine Bombe explodiert oder eine Messerattacke verübt wird. Der Ablauf nach einem Terroranschlag ist mittlerweile traurige Routine. Der Eilmeldung folgt die überwiegend inhaltslose Liveübertragung. Politiker aus aller Welt rattern ihre immer gleich klingenden Bekundungen vor einer Kamera runter. Und im Internet treffen sich selbsternannte Experten und kommentieren ziellos das Geschehen.

Die jedem bekannte Floskel, dass man sich von all dem Terror nicht einschränken lassen darf und sein Leben wie gewohnt weiterführen soll, bedeutet nicht nur, dass man ohne Angst zu haben öffentliche Verkehrsmittel benutzt und weiterhin Großveranstaltungen besucht. Darüber hinaus bedeutet es, dass man sich durch das subversive Handeln der Terroristen nicht in routinierte Verhaltensmuster drängen lassen darf. Es wird Zeit sich die Frage zu stellen, ob diese Form des voreiligen Reaktionismus auch ein Ziel des Terrors sein könnte, und wie stark das individuelle Handeln dazu beiträgt, es zu erreichen.