Die Flüchtlingskrise von 2015 führte zum Kontrollverlust. Das zeigen die Details des Falles Amri wie die des Bremer Bamf drastisch. Zehntausende Flüchtlinge meldeten sich unter wechselnden Identitäten an, Zehntausende täuschten Fluchtgründe vor, die als erfolgversprechend gelten, über 50 Prozent reisten ohne Personaldokumente ein – nicht alle, aber sehr viele vernichteten sie vorsätzlich. Zwischen all diesen suchen Hunderttausende zu Recht Schutz in Deutschland.

Auch für sie ist es wichtig, dass die Bundesregierung viel unternimmt, um die Kontrolle zurückzugewinnen: den Datenaustausch modernisiert, das Grenzregime verschärft usw. Denn wir können, um es mit Andrea Nahles (SPD) zu sagen, „nicht alle aufnehmen“. Wer sich dieser Einsicht verweigert, arbeitet am weiteren Niedergang der SPD und für eine Bundeskanzlerin Alice Weidel (AfD).

Mit Zuwanderungsgesetz in ruhigere Bahnen

Zugleich steht auch fest: Die Bevölkerung Deutschlands wird in 30 Jahren wesentlich bunter sein als heute. Wir können nicht mit unserer Gier nach knappen Rohstoffen, unseren Exporten und Importen möglichst günstiger Güter die ganze Welt aufmischen und erwarten, die Menschen würden sich nicht auch bewegen. Deshalb bezeichnete Wolfgang Schäuble die Flüchtlingskrise Anfang 2016 als „unser Rendezvous mit der Globalisierung – ob uns diese Begegnung nun gefällt oder nicht“.

Allerdings muss die Sache nach Kräften gesteuert und dringend mit einem Zuwanderungsgesetz in ruhigere Bahnen gelenkt werden. Dabei geht es nicht darum, dass diejenigen, die zuwandern, bereits sehr speziell fachlich ausgebildet sind, vielmehr sollen sie ihren Lernwillen schon dokumentiert haben – etwa indem sie einen Deutschkurs besucht haben – und sich selbst und der hiesigen Gesellschaft nützen wollen. Selbstverständlich muss eine Frauenquote von 50 Prozent gelten – auch für Flüchtlinge.

Erst die Mischung macht uns farbenblind

Oder behauptet jemand, Frauen wären weniger verfolgt oder wirtschaftlich benachteiligt als Männer? Neben der Geschlechterbalance bleibt die Frage der globalen Mischung dauerhaft bedeutsam. Es hat keinen Zweck, vorzugsweise muslimische Männer aufzunehmen, die Integrationsprobleme machen und sich in identitären Gruppen einigeln. Stattdessen sollten auch katholischen Philippinern Chancen eröffnet werden, Kolumbianerinnen, Peruanern, Kambodschanern, Afrikanern aus Mosambik oder aus Kamerun. Warum das? Erst die Mischung macht uns auf längere Sicht farbenblind, das heißt, sie mindert den Hang zu ethnischer Unterscheidung.

Dies führt dazu, dass andersfarbige und kulturell anders geprägte Menschen nicht mehr als Minderheit auffallen, sondern in einem festen verfassungsrechtlichen Rahmen dazugehören. Den Begriff „farbenblind“ übernehme ich aus dem beeindruckenden, auch erfolgreichen Buch von Ijoma Mangold „Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte“ (Rowohlt). Der Autor war Literaturredakteur bei der Berliner und der Süddeutschen Zeitung und ist es heute bei der Zeit.

Vor allem aber ist Mangold dank eines nigerianischen Vaters dunkelhäutig geraten, aber von seiner Mutter in Heidelberg ganz und gar deutsch erzogen worden. Das eröffnet ihm besondere Erfahrungen und Perspektiven. Lesen Sie dieses kluge, freundliche Buch! Es lehrt viel über ein mögliches „postethnisches Zeitalter“ und eine Zukunft, in der „das Gemischte selbst die Norm sein“ kann. Ein gutes Ziel auf mittlere Sicht!