Das Lageso hat es über Berlin hinaus zu zweifelhaftem Ruhm gebracht. Sogar die New York Times beschäftigt sich jetzt in einem ausführlichen Artikel mit der „chaotischen Aufnahme“ auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Moabit. Die Anlaufstelle für die Geflüchteten sei so etwas wie das deutsche Ellis Island, heißt es in dem Bericht. Von 1892 bis 1954 wanderten zwölf Millionen Menschen – unter ihnen viele Deutsche – über die Sammelstelle im Hafen vor Manhattan in die USA ein, Ellis Island wurde auch Träneninsel genannt.

Das Gelände an der Turmstraße ist nach Auffassung der beiden Autorinnen das Sinnbild für Deutschlands Ringen darum, Ordnung in die ungesteuerte Einreise von schätzungsweise einer Million Geflüchteten in diesem Jahr zu bringen. Sie bezeichnen die tumultartigen Zustände dort als erschütternd und wundern sich, dass dies in einem für seine Effizienz bekannten Land möglich ist.

Die Situation am Lageso könne nicht mehr nur als chaotisch bezeichnet werden, sie sei gefährlich für die Wartenden. Die Journalistinnen erwähnen den Fall des vierjährigen Mohamed, dessen Mörder ihn auf dem Gelände entführte. Sie berichten von Menschen die wegen Kälte oder Erschöpfung zusammenbrechen. Und von einem jungen Afghanen, der fünf Tage und Nächte auf sein Plastikarmband für die Registrierung in Wilmersdorf warten musste und in dieser Zeit bei Bodenfrost auf der Straße schlief.

Als Ursachen, die zu dieser verheerenden Situation geführt haben, macht die Zeitung Sparpolitik und Personalabbau im öffentlichen Dienst in den Jahren zuvor aus. Der von Klaus Wowereit geprägte Slogan „Arm, aber sexy“ beschreibe nur unzureichend die Erfahrungen der Geflüchteten. Sexy ist an ihrer Lage nichts. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales werfe ein Licht auf eine Stadt, die über die Maßen beansprucht, wenn nicht gar überfordert sei.
Zum Schluss des Artikels wird eine freiwillige Helferin zitiert. Jede andere Stadt in Deutschland bekäme es hin, den Menschen ein Dach über dem Kopf zu beschaffen. „Das ist keine Flüchtlingskrise“, sagt sie. „Das ist eine Verwaltungskrise.“