Keine Katastrophe ist so schlimm, dass sie sich nicht auch für ein zynisches Ränkespiel nutzen lässt. Das ist nichts für empfindsame Seelen, wie jetzt die von allem Schamgefühl befreite Diskussion in Italien zeigt, die nach dem Brückeneinsturz von Genua – da hatte sich nicht einmal der Trümmerstaub gelegt – über die politische Verantwortung entbrannt ist.

Verkehrsminister Danilo Toninelli von den Fünf Sternen forderte harte Strafen für die Schuldigen. Nun, das versteht sich selbst, aber was tat der Politiker dann? In einem Radio-Interview am Morgen nach der Katastrophe wies er auf die hohe Belastung der Brücke „durch polnische Lastwagen“ hin und gab damit die Richtung vor.

Innenminister Matteo Salvini von der Lega Nord machte kurzerhand die EU für den Brückeneinsturz verantwortlich: Die Brüsseler Spardiktate hätten in Italien wichtige Infrastrukturprojekte verhindert – das koste eben Menschenleben.

Tragische Menschenopfer als taktische Manövriermasse

Die Populisten-Koalition aus Fünf Sterne und Lega Nord regiert erst seit zwei Monaten in Rom. Das sei ihr zugestanden. Doch um Italiens marode Straßen und Tunnel hat sie sich bislang nicht gekümmert, im Gegenteil, wichtige Vorhaben wurden mit dem Verweis auf die „Zementfraktion“ und deren Heißhunger auf die Steuergelder, die statt den ohnehin reichen Unternehmern doch dem bedürftigen Volk zugutekommen sollten, abgelehnt.

Die hier offenkundig populistische Argumetation zeugt nicht gerade von Problembewusstsein. Anders gesagt, die Katastrophe von Genua hat die Politiker kalt erwischt. Sie reagieren, indem sie das tragische Menschenopfer wie eine taktische Manövriermasse behandeln. Populismus ist die Verweigerung von Verantwortung für den schnellen politischen Profit.