Ein Lehrer sollte homosexuellen Schülern gegenüber mit Respekt und ohne Vorbehalte auftreten. Um sich ein umfassendes Bild darüber zu machen, gab die Senatsbildungsverwaltung deshalb eine Studie in Aufrage. Wissenschaftler verteilten an 60 Schulen Fragebögen, in denen Lehrer Einschätzungen zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt an ihren Schulen geben sollten. Freiwillig sollten sie zudem die Frage nach der eigenen sexuellen Orientierung beantworten. Antidiskriminierung von Minderjährigen ist sicherlich ein berechtigtes Anliegen.

Zentrales Ziel des Schulbesuches ist es allerdings, dass die Schüler nachhaltig lesen, schreiben und rechnen lernen. Umso verwunderlicher ist, dass es anders als zur sexuellen Vielfalt zu der Art und Weise, wie Berliner Schüler schreiben lernen (oder auch nicht), keine umfassende wissenschaftliche Studie gibt. Das ist schade, denn die Hälfte aller Drittklässler erreicht in Rechtschreibung nicht einmal die Mindeststandards, in Lesen und Mathematik sieht es nicht viel besser aus. Insbesondere beim Schreiben lernen hapert es. Unterschiedlichste Lernmethoden kommen zum Einsatz. Viele Grundschullehrerinnen machen ihr eigenes Ding, weil sie den Vorgaben der Verwaltung misstrauen.

Scheeres will keine öffentliche Wahrnehmung

Die empfohlene Lernmethode „Schreiben nach Gehör“ ist umstritten, wird oft nicht richtig umgesetzt, weil die korrekten Rechtschreibregeln zu spät als Ergänzung daneben gestellt werden. Die Berliner Bildungspolitik ist hier aus dem Lot geraten. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es Bildungssenatorin Scheeres es deshalb auch gar nicht so genau wissen will. Stattdessen versuchte sie zu verhindern, dass die jüngsten Testergebnisse öffentlich werden. Grob fahrlässig ist dieses politische Nichthandeln: So bleibt das Schreibenlernen in Berlin eine Black Box, eine große Unbekannte. Niemand kann derzeit belastbar einschätzen, was dort falsch läuft. Aber den Beteiligten ist klar, dass etwas im Argen liegt.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) moderiert, wie es ihre Art ist, diese Schieflage lieber weg. Die durchaus positiven Erfahrungen, die die DDR-Lehrer für die unteren Klassen bei der Alphabetisierung einbringen können, negierte Scheeres zunächst ausdrücklich, als sie ausgerechnet jene Lehrer von einer Gehaltserhöhung ausschließen wollte. Generell wäre es die ureigene Aufgabe der Senatorin, eine bessere Vermittlung der Grundlagen viel deutlicher einzufordern. Stattdessen versucht Scheeres, bei Problemen unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung zu bleiben.

Wenn etwas aus dem Ruder läuft im staatlichen Schulsystem, verweist sie regelmäßig auf andere: Auf die Autonomie der Schule etwa. Schließlich kann jede Schule im Rahmen der aktuellen Lehrpläne selbst darüber entscheiden, wie gelernt wird. Oder sie verweist auf die Eltern und deren soziale Lage. Besonders häufig aber wälzt die Senatsbildungsverwaltung die Verantwortung auf die Bezirke ab. Selbst als jüngst eine Schöneberger Grundschulleiterin angesichts zunehmender Gewalt und Respektlosigkeit von Kindern und (!) Eltern um Hilfe rief und einen privaten Wachschutz engagierte, war von der Senatorin zunächst kein Wort zu hören. Stattdessen schoben sich der zuständige Bildungsstadtrat und die Senatsebene gegenseitig die Schuld zu. Angesichts der offenbar unhaltbaren Zustände an dieser Schule ist diese organisierte Verantwortungslosigkeit ein Armutszeugnis.

Zunächst sollte sich auf Grundlagen besonnen werden

Die Anzahl eigentlich hilfsbedürftiger Problemschulen sowie der Mangel an grundlegenden Rechtschreib-, Lese- und Rechenkenntnissen sind hauptverantwortlich für die hohe Schulabbrecherquote in Berlin, führen zu geringer Lernmotivation, Scham und Schuldistanz von Schülern. Damit greift die Politik massiv in das Leben von oft ohnehin benachteiligter Schüler ein, mehrheitlich übrigens Jungs.

Zwar sieht das neue Lehrerausbildungsgesetz endlich vor, dass angehende Grundschullehrer zwingend Deutsch und Mathe studiert haben müssen. Viel zu lange nahm sich zum Beispiel die Kunstlehrerin notgedrungen der Alphabetisierung an. Wenn aber weiter die Hälfte aller neu eingestellten Grundschullehrer nicht pädagogisch qualifizierte Quereinsteiger sind, erscheint die Umsetzung fraglich.

Natürlich sind Schulen als Lernort nicht nur für das Basiswissen zuständig. Soziales Lernen, kreative Entfaltung und die Fähigkeiten zum selbstbestimmten Aneignen von Wissen werden wichtiger. Doch Schreiben, Lesen und Rechnen sind Grundlagen für alles weitere. Darauf sollten sich die Bildungssenatorin besinnen.