Die Straße, auf der wir gehen, bietet nicht viel. Sie ist lang. Sie ist gerade. Beton und Grün links und rechts. Ein paar Blumen im Streifen, hier ein Bau-, dort ein Klettergerüst. Autos. Das war’s. Ein verirrter Tourist würde vermutlich den Reiseführer zücken, um sich zu vergewissern, dass er noch in Berlin ist. Aber auch in Berlin muss man wohnen, und deshalb gibt es Wohngebiete. Und zwischen den immer gleichen An- und Ausblicken ist Platz für interessante Gedanken. Nichts lenkt ab.

Wenn man in den vielen Sekunden alles machen könnte

Wie viele Sekunden ein Jahr habe, fragt prompt das Kind. Ehe wir das Handy heranziehen, wird der Rechenweg geklärt. 365 Tage mal 24 Stunden mal 60 Minuten mal 60 Sekunden. Schon bevor wir das Ergebnis wissen, zappelt das Kind aufgeregt in der Aussicht auf die Riesenzahl. 31.536.000. Jubel. Dann denkt es kurz nach. „Aber auch ganz schön viele Stunden.“ „Mhm“, mache ich. Denke: 8760. Was man in denen alles machen kann.

„Was man in denen alles machen kann“, sagt das Kind. Ich: „Oder in den Minuten.“ Skeptischer Blick. In einer Minute? Der erste Vorschlag klingt noch wie eine Frage: „Einen Witz erzählen?“ Und darüber lachen, ergänzen wir fast gleichzeitig und nicken sehr ernst. „Jemanden küssen“, sage ich. „Ein paar Blumen pflücken“, tönt es von unten, über den Grünstreifen gebeugt. Jetzt ist kein Halten mehr.

Wir sammeln, kaum ein Zögern oder Grübeln unterbricht den Strom: Kopfüber ins Wasser springen und losschwimmen. Ein Gummibärchen essen (Kind: „Eins? Mehrere!“). Einen Baum hochklettern. 31.536.000 Sonnenstrahlen oder mehr einfangen. Etliche Meter gehen und noch mehr mit dem Fahrrad fahren. Eine leichte Rechenaufgabe im Kopf lösen oder eine schwere mit dem Taschenrechner. Ein bekanntes Lied pfeifen und allen, die es hören, einen Ohrwurm verpassen. Ein kurzes Gedicht lesen oder vortragen. Ein Tor schießen. Ein paar Tanzschritte machen. Oder einfach hüpfen. Einen Purzelbaum schlagen.

Das Glück liegt überall - manchmal auch bei Mathe-Aufgaben

„Jemandem sagen, dass man ihn liebt“, sage ich. Streiche dem Kind über den Kopf. Es guckt hoch, grinst, und erwidert: „Oder allen laut und deutlich sagen, was man in einer Minute alles Schönes machen kann.“

Und es aufschreiben, denke ich. Das wird zwar länger dauern, aber es könnte sehr glücklich machen. Fast kommt es mir vor, als ob die Straße, die wir entlanggehen, mir zunickt. Weil sie plötzlich gar nicht mehr eintönig aussieht. Kein Wunder. Im Lichte von 525.600 Minuten, die man im Jahr zur Verfügung hat. Selbst wenn man alle abzieht, in denen man lästige Pflichten erledigen muss, sich streitet oder andere eher doofe Dinge tut oder schläft (was ja auch ganz schön ist): Es bleiben immer noch total viele übrig. Und die meisten Minutenglücke sind völlig unabhängig davon, wo man sich gerade befindet. Sie liegen auf der Straße, wenn auch manchmal versteckt. Zum Beispiel in einer Rechenaufgabe.

Barbara Weitzel liest am 23.5. auf der Lesebühne „Des Esels Ohr“ aus ihren Kolumnen. Werk-Etage, Saarbrücker Str. 24, Haus C (Prenzlauer Berg). Beginn 20 Uhr, Eintritt frei.