Meine Oma ist als junge Frau vergewaltigt worden. Sie wurde schwanger, bekam ein Kind. Meine Mutter. Das ist vor ein paar Jahren herausgekommen, ich habe darüber bereits geschrieben. Ich würde gerne wissen, was meine Oma über #MeToo sagt, aber ich kann es mit ihr nicht mehr besprechen. Also rede ich mit meiner Mutter.

Meine Mutter versteht die Kampagne nicht ganz. Warum kommen die Schauspielerinnen erst jetzt, so viele Jahre später, mit ihren Anschuldigungen heraus? Warum haben sie sich nicht früher gewehrt? Aus der Sicht meiner Mutter, Jahrgang 1951, scheint Sexismus vor allem ein Problem von Frauen zu sein.

Ich widerspreche ihr und sage, dass es nicht stimmt, dass sich die Frauen erst jetzt melden. Einige Schauspielerinnen, die mutmaßlich vom deutschen Regisseur Dieter Wedel in den achtziger Jahren belästigt und bedrängt wurden, haben direkt danach Kollegen und Agenten um Hilfe gebeten. Aber sie wurden ignoriert, nicht ernst genommen, abgekanzelt, verunglimpft. Zur Polizei trauten sie sich dann erst recht nicht mehr. Erst jetzt, nachdem Schauspielerinnen in Hollywood eine Kampagne gegen Sexismus in Gang gebracht haben, hört man ihnen zu.

"Warum haben sie den Männern nicht eine geknallt?"

Meine Mutter kennt Ashley Judd nicht, die als eine der Ersten öffentlich von den Übergriffen des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein berichtete, sie kennt auch nicht die ehemalige Berliner Schauspielerin Jany Tempel, die Dieter Wedel vorwirft, sie zum Sex gezwungen zu haben. Meine Mutter kennt Catherine Deneuve, Brigitte Bardot, das sind ihre Heldinnen. Berühmte Frauen, mit denen sie sich lieber identifiziert. Bardot und Deneuve sagen, die Kampagne #MeToo ist übertrieben und gefährlich, sie warnen vor Männerhass. Wem soll man glauben?

Meine Mutter sagt, dass man die Geschichte ihrer Mutter nicht mit den Geschichten der Schauspielerinnen vergleichen kann. „Mutter war ein Flüchtlingskind, arm, auf sich allein gestellt, ausgeliefert, Vater kam aus dem Krieg“, sagt sie. Die Schauspielerinnen hätten sich freiwillig in ein schwieriges Geschäft begeben. Sie hätten sich wehren können, so ihre These. „Warum haben sie den Männern nicht eine geknallt?“, sagt meine Mutter. „Da spielten wohl doch Karriere- und Geldwünsche eine Rolle“, vermutet sie.

„Das hast du gar nicht erzählt“

Für meine Mutter ist sexuelle Belästigung ein Naturgesetz, das man hinzunehmen oder zumindest im Privaten zu regeln hat, ihre eigene Geschichte ist eher Bestätigung als ein Ansporn zur Veränderung. Meine Mutter nimmt, bewusst oder unbewusst, die Position der Männer ein. Vielleicht liegt es darin, dass sie selber von ihrer Mutter mitbekommen hat, dass Frausein keinen Wert an sich hat, dass man sich in die passive Rolle zu fügen hat. Sie lässt nebenbei fallen, sie selbst sei als Studentin in Berlin belästigt worden, das war halt so.

Ich erzähle ihr von einer Begebenheit in England, ein Politiker hat mich nach einem Interview begrapscht, versucht, mich zu küssen. Ich rannte aus dem Auto weg, in dem ich mit ihm saß, er rief mich nachts im Hotel an und bedrohte mich. Ich flüchtete frühmorgens im Taxi aus der Stadt. „Das hast du gar nicht erzählt“, flüstert meine Mutter. Ich sage, dass ich mich geschämt habe. Ich habe gedacht, ich hätte falsche Signale ausgesendet. Meine Mutter schweigt. Wir werden weiterreden.