Kommentar zu neuer Mobilitätsstudie: Aufrecht gehen

Nur ein paar feste Schuhe braucht man dazu. Wenn es irgendwann doch noch Sommer werden sollte, reichen sogar ein paar Badelatschen oder Sandalen. Manche tun es sogar ganz unten ohne: Zu Fuß gehen. Diese natürliche Art der Fortbewegung ist in Berlin auf dem Vormarsch, wie die jüngste Statistik zeigt, und das ist – jetzt kann man es ja mal wieder sagen – gut so. Nicht nur für die Gesundheit und fürs Klima, sondern auch für die Stadt. Urbanität ohne Zufußgehen geht nicht.

Die Fußgänger der Stadt können angesichts ihrer statistisch belegten Führungsrolle jetzt auch politisch stärker den aufrechten Gang üben. Denn in der verkehrspolitischen Debatte kommen sie, wie auf manchen Bürgersteigen, die zu Parkplätzen oder Radwegen umgenutzt werden, nur am Rande vor. Gehen sie in der Mitte des Trottoirs, werden sie im Zweifel von einem rasenden Radler umgemangelt.

Dieser findet oft größtes Verständnis, denn er sieht sich als ideologische Speerspitze im Kampf gegen Autoverkehr und Klimawandel und seine Landnahme bei den Zufußgehenden, wie es gegendert korrekt heißen muss, daher als moralisch gerechtfertigt an. In Wahrheit sind Radler halt auch nur Fahrzeugführer und setzen auf das Recht des Stärkeren und Schnelleren. Es hat schon einen Grund, dass Rennräder so angesagt sind, sozusagen die stahlgewordene Rücksichtslosigkeit gegenüber den Fußgängern.

Letztere sind immer die Schwächsten, und da man ihnen bis auf ein paar Schuhe und Antihühneraugencreme nichts verkaufen kann, haben sie auch nicht die Lobby, die die Zweiradindustrie mittlerweile darstellt. Nichts gegen neue Radwege und Fahrradparkhäuser, aber das Zufußgehen hat mehr politische Aufmerksamkeit verdient als bisher. Vernünftige Radler verstehen das, denn nach dem Absteigen sind auch sie: Fußgänger.