Das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit, das die Pegida-Organisatoren seit nunmehr zwei Jahren in der Mitte der sächsischen Metropole Dresden für sich in Anspruch nehmen, trifft keine Aussagen über Anstand und gute Sitten. Diese zu verletzen, ist oft sogar das Ziel einer sozialen Bewegung, die gegen die herrschende Politik aufbegehrt, um ihre Anliegen öffentlichkeitswirksam kenntlich zu machen.

Nicht alle treten dabei wie die Pegida-Marschierer als politische Horror-Clowns in Erscheinung, deren oberstes Ziel darin zu bestehen scheint, das bürgerliche Establishment zu erschrecken.

Wenn dabei die Grenzen zwischen symbolischen Protest und offen signalisierter Gewaltbereitschaft überschritten werden, ist es ganz im Sinne der Erfinder, die als Europäische Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes auf die Straße gehen. Was Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere Staatsrepräsentanten sich zum Tag der Deutschen Einheit gefallen lassen mussten, war jedenfalls mehr als bloße Meinungsbekundungen.

Noch keine Antwort der demokratischen Öffentlichkeit

Nun also das Pegida-Jubiläum. Einen Tag früher als sonst, da viele Dresdner Bürger der quälenden Lethargie, die regelmäßige Bewegung der Wütenden nur achselzuckend hinzunehmen, endlich einmal etwas entgegensetzen wollen. Das ist gut so und überfällig, vermag aber nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die demokratische Öffentlichkeit noch keine treffende Antwort auf die rüde Allgegenwart ihrer Verächter gefunden hat.

Der französische Soziologe Gabriel Tarde bemerkte bereits 1901, dass Massen in bestimmten Punkten einander oft ähneln und nannte als auffällige Merkmale deren ungeheuren Intoleranz, ihren grotesken Stolz, ihre krankhafte Empfindlichkeit und ein beängstigendes Gefühl der Unverantwortlichkeit. Wie es aussieht, hat sich wenig daran geändert.