Wer eine langweilige Familienfeier mal so richtig aufmischen will, sollte das Gespräch auf Fahrradfahrer lenken. Die Chancen, dass die Wogen meterhoch schlagen werden, stehen gut. Radfahrer? Alles Rowdys, die über Gehwege preschen, aus dem Nichts auftauchen und ohne Licht unterwegs sind – sagen die einen. Radfahrer?

Opfer, die von Autofahrern angepöbelt und von plötzlich geöffneten Fahrzeugtüren vom Sattel geholt werden – sagen die anderen. Die Argumente dürften dafür sorgen, dass die Diskussion heftig wird und von Langeweile keine Rede mehr ist. Das Problem ist nur: Ein Ergebnis gibt es nicht, beide Seiten haben Recht.

Rücksichtslos und ungehemmt

Es stimmt, dass an schweren Radlerunfällen meist Fahrer von Kraftfahrzeugen schuld sind. Immer noch sind rechtsabbiegende Lkw eine tödliche Gefahr, weil Radfahrer im toten Winkel verschwinden, wie sich erst in der vergangenen Woche auf der Karl-Marx-Allee zeigte. Und immer noch gelten Radfahrer vor allem in den Berliner Außenbezirken als Außenseiter, denen Autofahrer nur zu gerne und zuweilen sehr drastisch vor Augen führen, wer ihrer Meinung nach der Chef ist.

Es stimmt aber auch, dass Radfahrer mit einer unfassbaren Rücksichtslosigkeit auftreten. Wenn man schon auf dem Gehweg fährt, um das Gesäß vor den Stößen des Kopfsteinpflasters zu schützen – warum muss das mit Tempo 25 geschehen? Wenn man sich schon an der Kreuzung vordrängelt – warum bleibt man im Weg stehen, obwohl die anderen Radler hinter einem Grün haben? Warum behandeln sich Radfahrer gegenseitig so schlecht? Nicht nur Kapuzenshirtträger um die 20, auch Senioren auf E-Bikes.

Die neue Fahrradstaffel der Berliner Polizei wird diesen Streit nicht beenden können. Sie kann nur an beide Seiten appellieren, Bürger für Bürger. Ein mühseliges Geschäft. Aber es wird sich lohnen.