Kommentar zu Radlern auf Gehwegen: Radfahrer sind Rüpel - aber auch Opfer

Berlin - Wer einem langweiligen Gespräch am Kaffeetisch etwas Zunder geben will, braucht nur ein bestimmtes Thema anzusprechen – und der Streit kommt von allein. Fahrradfahrer sind eine Spezies Mensch, zu denen jeder eine eindeutige Meinung hat.

Autofahrer regen sich über Kamikaze-Radler auf, die mit Kopfhörern auf den Ohren und im Dunkeln ohne Licht auf die Fahrbahn preschen. Fußgänger berichten von gefährlichen Begegnungen mit Rasern, die ihnen auf dem Gehweg entgegenkommen. Jetzt will der Bund auch noch Eltern, die ihre radelnden Kinder begleiten, das Gehweg-Fahren erlauben.

Doch auch Radfahrer können von Beinaheunfällen erzählen, bei denen sie von unaufmerksamen oder aggressiven Autofahrern fast getötet wurden. Radfahrer erfahren täglich, dass die Verkehrsanlagen in dieser Stadt oft kaum auf den Fahrradboom eingerichtet sind – wie auch die neue Studie zum Mangel an Fahrradparkplätzen in Berlin belegt.

Diskussionen führen zu nichts

Alle haben recht. So stimmt es, dass Berlin als Fahrradstadt hinter anderen Metropolen zurückliegt. Während dänische oder niederländische Städte stolz Radschnellwege bauen und andere Leuchtturmprojekte verwirklichen, reibt sich in Berlin eine hochkomplexe, überlastete Verwaltung an einem Klein-Klein von Einzelprojekten auf.

Vor zehn Jahren wurde damit begonnen, für die Gitschiner Straße in Kreuzberg Radfahrstreifen zu planen – in diesem Jahr können die Markierungen endlich aufgepinselt werden. Auch die Radfahrer müssen ausbaden, dass in den Behörden massiv gespart wurde, übrigens unter dem Beifall der Öffentlichkeit. Und jetzt, wo es wieder mehr Geld gibt, mag kaum ein junger Planer dort anfangen. Privatfirmen bieten bessere Arbeitsplätze.

Alle haben recht, wenn über Radfahrer gestritten wird. Doch die Diskussionen führen zu nichts, wenn nicht jeder irgendwann mal einen Gang zurückschaltet. Autofahrer müssen akzeptieren, dass Fahrräder das Stadtverkehrsmittel der Zukunft sind (von Bussen und Bahnen einmal abgesehen), und dass es immer mehr von ihnen geben wird. Fußgänger sollten zweimal nachdenken, bevor sie auf Radwegen flanieren. Senioren sollten sich fragen, wie oft sie schon mal auf Gehwegen geradelt sind. Und Radler müssen verstehen, dass es Menschen gibt, die Angst haben, wenn jemand gedankenlos an ihnen vorbeirast. In einer bunten Stadt wie Berlin kann es keinen Gewinner geben, der allen anderen seine Bedingungen diktiert.